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Doris:
Guten Abend. Ich begrüße Sie und euch zu unserer Mahnwache gegen den Krieg und für den Frieden. Vielen Dank allen, die gekommen sind.
Vor vier Wochen wurde das neue Jahr begrüßt mit einem riesigen und sehr lauten Feuerwerk. „Die Knallerei erinnert mich an den Krieg“, so habe ich es auch dieses Mal wieder von Menschen gehört, die den Zweiter Weltkrieg noch bewusst miterlebt haben. Ich selbst bin Jahrgang 58, aber trotzdem macht mir der Feuerwerkslärm jedes Jahr Angst und weckt Assoziationen zum Krieg.
Ein kurzer Rückblick: Ich erinnere mich gut an die Zeit ca. 20 Jahre nach Kriegsende, also um 1965. In unserer Stadt waren noch Ruinen und Trümmer zu sehen. Bei nächtlichen Manövern wurde ich manchmal von Panzerkolonnen aus dem Schlaf gerissen, die vor unserem Haus vorbeifuhren. Oft erschrak ich durch den ohrenbetäubenden Lärm von Tieffliegern auf Übungsflug. Ich spürte auch, wie sehr meine Mutter auf diese Geräusche mit Unruhe reagierte. Mein Vater erzählte nie vom Krieg, den er als Soldat aktiv miterlebt hat. Ich fragte mich manchmal, ob auch er wohl andere Soldaten erschossen hat? Bei bestimmten Ereignissen wie dem sowjetischen Einmarsch in Prag oder der Kubakrise spürte ich deutlich die Angst meiner Eltern vor einem Dritten Weltkrieg, auch wenn nicht darüber gesprochen wurde. Das Thema Krieg war irgendwie immer existent, obwohl ich ein sogenanntes Nachkriegskind bin.
In der Schule lernte ich Geschichte zunächst kennen als eine jahrhundertelange Aneinanderreihung von verschiedenen Kriegen, deren Jahreszahlen man auswendig lernen musste. Empfunden habe ich dabei nichts. Erst in der Oberstufe hatten wir 2 Lehrer in Deutsch und Geschichte, die uns kriegskritische Literatur vermittelt und uns mit den Schrecken des 2. Weltkriegs und des Holocaust konfrontiert haben. Auch an lebhafte Diskussionen zum Thema Wehrdienst ja oder nein kann ich mich gut erinnern. Im Nachhinein bin ich sehr dankbar für diesen Unterricht durch couragierte und engagierte Lehrer.
Anfang der 80- er Jahre war es daher eigentlich selbstverständlich, den „Krefelder Appell“ gegen die sogenannte Nato- Nachrüstung zu unterschreiben und in der Friedensgruppe von „Ohne Rüstung Leben“ mitzuarbeiten. Ich werde wohl nie vergessen, wie es sich angefühlt hat, in Mutlangen die Konvois mit den aufgerichteten Atomraketen zum Manöver vorbeifahren zu sehen. Und welch überwältigende Erfahrung beim Gelingen der Menschenkette! Viele Demonstranten waren es damals, und es wurden immer mehr. Trotzdem waren wir voller Angst und hatten oft wenig Zuversicht, dass unser Protest etwas bewirken könnte. Welch eine Erleichterung, als der INF-Vertrag zur Verschrottung der atomaren Mittelstreckenraketen in Ost und West 1987 unterzeichnet wurde. Entspannungspolitik gab Anlass zur Hoffnung, dass die Menschheit vielleicht doch aus den beiden Weltkriegen gelernt hat. Der „Kalte Krieg“ schien beendet.
Wir alle wissen, welchen Fortgang die Geschichte genommen hat. Der sogenannte „Krieg als Mittel der Politik“ blieb leider weiterhin an der Tagesordnung. Oft wurde er auch als „militärische Intervention zur Wahrung der Menschenrechte“ bezeichnet oder als „Kampf gegen den Terrorismus“. Jedenfalls gab es völkerrechtswidrige Überfälle auf andere Länder wie Libyen, Tschetschenien, Irak, Kosovo, Afghanistan, Syrien, usw., die meisten von ihnen durch die USA. Es hat sich herausgestellt, dass viele der Kriege auf Lügen aufgebaut waren. Und es hat sich gezeigt, dass kein einziges Problem durch militärische Gewalt gelöst werden konnte. Selbst der 20-jährige Krieg in Afghanistan hinterließ nichts als Tod, Zerstörung und neuen Hass.
Parallel zu den laufenden Kriegen wurde das Verhältnis zwischen Nato und Russland immer schlechter. Abrüstungsverträge wurden gekündigt, Aufrüstung und gegenseitige Provokationen waren wieder angesagt. Im Jahr 2020 hätte es noch eine große Chance zur Umkehr gegeben. Die Corona-Pandemie hat eigentlich allen deutlich vor Augen geführt, dass die Welt zusammenarbeiten muss, um die großen Probleme der Menschheit wie Hunger, Seuchen und Klimakatastrophe zu lösen. UN- Generalsekretär Guterres hatte mehrmals in eindringlichen Reden eine weltweite Waffenruhe gefordert. Er wurde leider nicht gehört.
Seit dem Einmarsch russischer Truppen in der Ukraine stehen die Zeichen endgültig auf Eskalation. Beide Seiten tragen das Ihre dazu bei. Es ist eine enorme Dynamik entstanden. Politiker werfen ihre bisherigen Grundsätze über Bord, zum Beispiel: „Frieden schaffen mit immer weniger Waffen“, einst ein Slogan der CDU. Oder: “Keine Rüstungsexporte in Kriegsgebiete!“, bis vor kurzem noch Konsens. Was früher als richtig galt, scheint jetzt falsch und vollkommen anders zu sein. Als ob es noch nie einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegeben hätte. Als ob es beim Ukrainekrieg nur eindeutig Schuldige und eindeutig Nicht-Schuldige gäbe. Als ob das ständige Anheizen eines Konflikts mit immer mehr Waffen jemals Frieden bringen könnte.
Und: „Wir müssen mehr für unsere Sicherheit tun“ – so höre ich es permanent von Politikern aller Parteien und von den Medien. Dasselbe höre ich auch von vielen Menschen in meinem Umfeld, welche das wiederum von Politikern und Medien gehört haben und ihnen Glauben schenken. Grundsätzlich ist diese Aussage ja auch nicht falsch. Aber auf welche Art und Weise können wir mehr für unsere Sicherheit tun? Diese Frage wird gar nicht gestellt. Denn es gilt automatisch: Mehr Sicherheit bedeutet mehr Waffen, mehr Geld für die Aufrüstung, mehr Soldaten, womöglich sogar eigene Atomwaffen. Dann sind wir „kriegstüchtig“, dann sind wir sicher. Sind wir dann sicher?
Was könnte aber stattdessen zu unserer Sicherheit beitragen? Ich meine: mehr Friedenserziehung an Schulen, ein Geschichtsunterricht, der den Fokus darauf legt, aus der Geschichte zu lernen, mehr Erziehung zur Kritikfähigkeit und sozialem Engagement. Die Regeln aus der Gewaltprävention und der Streitschlichtung auch in der Politik anwenden. Es braucht Politiker mit Weitsicht, diplomatischem Geschick und dem Willen zur Verständigung und zur Konfliktlösung. Eine neue Entspannungspolitik, neue Abrüstungsverträge. Die Einsicht, dass die großen Probleme der Menschheit nur gemeinsam gelöst werden können. Dass es nur durch friedliche Koexistenz aller Völker möglich ist, eine Zukunft auf diesem Planeten zu haben. Und die Erkenntnis, dass es die absolute Sicherheit nicht gibt.
Ich zitiere Dietrich Bonhoeffer: „Wie wird Friede? Durch ein System von politischen Verträgen? Durch Investierung internationalen Kapitals in den verschiedenen Ländern? d. h. durch die Großbanken, durch das Geld? Oder gar durch eine allseitige Aufrüstung zum Zweck der Sicherstellung des Friedens? Nein, durch dieses alles aus dem einen Grunde nicht, weil hier überall Friede und Sicherheit verwechselt wird. Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muss gewagt werden, ist das eine große Wagnis, und lässt sich nie und nimmer sichern“.
Dazu kommt: Es steht uns nicht zu, für unsere angebliche Sicherheit so viel Geld und Ressourcen zu investieren, dass Andere leer ausgehen. Sicherheit auf Kosten unseres Sozialsystems, des Klima- und Umweltschutzes, das fällt auf uns selbst zurück. Sicherheit auf Kosten der Armen und Hungernden dieser Welt, das ist einfach unmoralisch. Ich denke an ein Plakat aus den 80-er Jahren. Darauf zu sehen war vor violettem Hintergrund ein stilisiertes hungerndes Kind. Aufschrift: „Rüstung tötet täglich – auch ohne Krieg“. Dies ist immer noch wahr. Nein, wir werden unsere Grundsätze nicht über Bord werfen.
Uwe:
Wir laden Sie, wir laden Euch nun wieder dazu ein, einige Minuten mit uns zu schweigen Wir gedenken all derer, die durch kriegerische Auseinandersetzungen ermordet, an Körper und Seele verletzt, ihrer Heimat beraubt wurden, oder sich auf der Flucht vor Krieg und Elend befinden, insbesondere der Flüchtenden, die auf ihrem gefährlichen Weg nach Europa ihr Leben verlieren, oder die abgewiesen werden.
Wir gedenken der Opfer der trumpschen Terrorbande ICE und der Menschen, die gegen die kriminellen Machenschaften dieser Gang auf die Straße gehen und protestieren.
Wir gedenken der Natur, unserer natürlichen Lebensgrundlage, gegen die weltweit ein permanent stattfindender Krieg geführt wird, und die erbarmungslos zerstört wird.
Wir gedenken der Menschen, die sich weltweit gegen den Krieg oder gegen die Zerstörung unserer Mitwelt engagieren.
Uwe:
Krieg und Frieden von Martin Stöhr
Es gibt immer nur wenige Agenten und Täter des Todes
Aber es sind viele Gleichgültige,
die ihnen das Geschäft des Todes nicht verwehren.
Es sind wenige,
die am Werk der Versöhnung und des Friedens arbeiten.
Auf ihnen ruht die Hoffnung,
dass die laufenden Kriege
zugunsten von Gerechtigkeit und Frieden,
zugunsten von Millionen Kindern, Männern und Frauen
vermindert oder gar beendet werden.
Der Krieg rechnet mit uns
und spekuliert auf unsere Gleichgültigkeit.
Der Frieden rechnet aber erst recht mit uns,
dass wir die Erinnerung an die Toten
in Arbeit für die Lebenden und vom Tod bedrohten umsetzen.
Dazu sind wir fähig.
Uwe:
Bevor wir unsere heutige Mahnwache gegen den Krieg und für den Frieden beenden, nun noch einige Hinweise auf Aktionen und Veranstaltungen:
- Am kommenden Montag, 2.Februar, trifft sich im Martin- Luther- Haus in Schorndorf um 18 Uhr die Ökumenische Friedensgruppe der Stadtkirchengemeinde. Thema an diesem Abend ist die aktuelle Denkschrift der EKD, gegen deren inhaltliche Aussagen wir protestieren. Gäste sind willkommen.
- Am Samstag, 7.02. findet um 14 Uhr in Stuttgart auf dem Schlossplatz eine Friedensdemonstration statt. Das Thema dieser Demonstration ist: „Den Frieden wählen“. Wir werden bei unserer nächsten Mahnwache, heute in einer Woche, noch nähere Informationen hierzu geben.
- Am Mittwoch, 4. Februar findet um 19.30 Uhr im Bürgerzentrum in Waiblingen eine Veranstaltung mit der Staatssekretärin Bosch zum Thema „Wirkungsvolle Bürgerbeteiligung bei der Bewahrung der Demokratie“ statt.
- Wer Lust und Zeit hat, am morgigen Samstag bei unserer Banneraktion mitzumachen, melde sich bitte nach dieser Mahnwache bei Doris.
- Unsere nächste Mahnwache findet, wie zuvor erwähnt, heute in einer Woche, am Freitag, dem 6. Februar um 18 Uhr statt.
Damit ist unsere heutige Mahnwache gegen den Krieg und für den Frieden beendet.
Vielen Dank dafür, dass Sie gekommen sind. Wir wünschen Ihnen, wir wünschen Euch, einen guten Nachhauseweg und ein erholsames Wochenende.
