Mahnwache vom 23.01.2026

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Bild von EKD Pressematerialien

Martin:

Guten Abend, ich begrüße Sie und Euch zu unserer Mahnwache gegen den Krieg und für den Frieden. Schön, dass Sie / ihr alle gekommen seid.

Ich will heute zu einem Thema sprechen, das eigentlich schon wieder eine „KV-Sache“ ist. KV steht für „Kannst vergessen!“ Genau dreimal wurde es in den Schorndorfer Nachrichten erwähnt, zweimal in Leserbriefen und einmal bei den „Remstal-Köpfen“. Den Redakteuren war sie keine Zeile wert. Doch gestern kam nochmal ein Leserbrief dazu, der mir widerspricht. Es geht um die neue Denkschrift der EKD, der Evangelischen Kirche in Deutschland, dem Dachverband aller evangelischen Landeskirchen in Deutschland, mit dem Titel: „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“. Sie wird allgemein als die neue Friedens-Denkschrift der EKD bezeichnet.

Auch wenn sie kaum mehr öffentliche Beachtung findet, ist sie doch kirchenintern von großer Bedeutung, denn sie hat Einfluss auf die Friedens-Positionen innerhalb der Kirchen und Gemeinden. Und noch hätten die Kirchen bedeutenden Einfluss auf die öffentliche Meinung in Deutschland. „Noch“, denn der Einfluss schwindet rapide, und „hätten“ – wenn sie doch nur ihr unsägliches Schweigen beendet hätten – zu der Tabuisierung von diplomatischen Verhandlungen gleich nach dem Überfall auf die Ukraine, zur Eskalation der Rüstung, zu der Militarisierung der Gesellschaft usw. Die Beendigung dieses Schweigens der Kirche und der großen Mehrheit der Pfarrer*innen war und ist ein zentrales Anliegen der Ökumenischen Friedensgruppe der Stadtkirchengemeinde Schorndorf.

Und jetzt kam die Friedens-Denkschrift der EKD. Nach ca. zwei Jahren Vorbereitung, vier hoch dotierten Tagungen in Evangelischen Akademien, auch in der renommierten Akademie Bad Boll, wurde sie am 10.November 2025 veröffentlicht und am 13.11. in Leipzig medienwirksam präsentiert.

Ich muss gestehen, dass ich keine großen Hoffnungen in diese Denkschrift gesetzt hatte, nachdem ich erfahren hatte, dass innovative Friedens-Initiativen wie das Projekt „Sicherheit Neu Denken“ erst spät, nach Protesten und auch eher am Rande zu einem der Workshops eingeladen wurden.

Und jetzt die fertige Denkschrift: in meinen Augen eine Katastrophe, ein Rückschritt hinter frühere EKD Erklärungen und hinter die Charta der Vereinten Nationen, ein Verrat an der Bergpredigt.

Ich hoffe, Ihr seht es mir nach, dass ich nicht unvoreingenommen darüber sprechen kann. Objektiv kann ich erwähnen, wer am 13.11. die Denkschrift in Leipzig präsentiert hat. Das sagt – leider – eigentlich schon alles: Die Einführung in die Denkschrift durch einen Prof. Anselm, der den Vorsitz des Redaktionsteams hatte, musste ich leider verpassen, da ich el mundo Ladendienst hatte. Ich kam gerade noch rechtzeitig zum Ende der Keynote von – Dr. Johann David Wadephul, Bundesminister des Auswärtigen, Berlin.

Die anschließende Podiumsdiskussion bestritten:

  • Bischöfin Kirsten Fehrs, Vorsitzende des Rates der EKD – Sie verantwortete ja die Denkschrift.
  • Gerlinde Niehus, 2019 – 2024 stellvertretende Direktorin in der NATO für Sicherheitskooperation mit den Partnerländern, Brüssel – Sie war begeistert von der Denkschrift.
  • Anna Sauerbrey, Journalistin und Außenpolitische Koordinatorinder ZEIT, Hamburg – Sie war voll auf der kriegstreiberischen Mainline.
  • Dr. Olaf L. Müller, Professor für Wissenschaftstheorie und Naturphilosophie, Berlin – Er outete sich als Nicht-Christ und war der einzige, der kritische Fragen stellte, die jedoch weder von den Moderatoren noch von den anderen Teilnehmerinnen beachtet wurden.

Mir tat Bischof Kramer, der Friedensbeauftragte der EKD, den wir beim Stuttgarter Ostermarsch gehört hatten, leid. Ihm fiel das abschießende Friedensgebet zu, was ihm sichtbar nicht leicht fiel.

Jetzt zur Denkschrift selbst: Die gedruckte Ausgabe hat 147 Seiten, bestehend aus dem Vorwort von Bischöfin Fehrs, 6 Seiten, einer 10-seitigen Kurzform, und der eigentlichen Denkschrift. Sie wird nicht nach Seitenzahlen zitiert, sondern nach Abschnitten (1) bis (193). Auf der Seite der EKD können sowohl die Kurzform als auch die Langform heruntergeladen werden.

Bereits im Vorwort benennt Frau Fehrs alles, was die Friedensbewegung entsetzt. Auch die Kurzfassung hebt es hervor. Wer nicht an den Details interessiert ist, braucht die umfangreiche Denkschrift nicht zu lesen.

Leitbegriff ist „Gerechter Friede“, eine wichtige Forderung aus der weltweiten Ökumene. In der Denkschrift wird er jedoch inflationär verwendet und fast ausschließlich militärisch bedacht.

Zitat: „Friede wird im Leitbild des Gerechten Friedens als ein Ineinandergreifen von vier verschiedenen Dimensionen charakterisiert, nämlich Schutz vor Gewalt, Förderung von Freiheit, Abbau von Not und Anerkennung kultureller Vielfalt.“ (22)

Das klingt nicht schlecht. Allerdings ist die Basis dabei der Schutz vor Gewalt und dafür werden fast nur militärische Lösungen bedacht. Gewaltfreie Aktionen, soziale Verteidigung, echte diplomatische Bemühungen, gemeinsame Sicherheitsstrukturen werden vernachlässigt oder klein geredet (17).

Neue Herausforderungen werden ausführlich diskutiert, z.B. Hybrider Krieg, Cyberwaffen, Terrorismus, Wehrpflicht. Überall wird deutlich, dass im Hintergrund intensiv diskutiert wurde. Doch klare Entscheidungen wurden vermieden. Mit verwirrender Begriffsakrobatik, natürlich auch akzeptablen Gedanken, werden die friedenspolitischen Probleme so traktiert, dass letztlich alles erlaubt wird: Aufrüstung, Rüstungsexporte, atomare Abschreckung (58) (148) und Präventivangriffe (147).

Ich vermute, dass die Denkschrift in der allgemeinen Öffentlichkeit keine Rolle mehr spielen wird. Daher könnten wir sie als „KV“ abhaken: Kannst vergessen! Da sie jedoch innerhalb der Kirche Bedeutung hat, und Ihr sicher auch mit kirchennahen Menschen ins Gespräch kommen werdet, möchte ich noch einige Gedanken dazu einbringen.

Ich sehe drei Fallen, die sich die Vorbereitungsteams der Denkschrift selbst gestellt hatten.

Falle 1. Sie stellen fest, dass wir in einer sündigen Welt (8) leben, die noch nicht erlöst ist. Daraus folgern sie, dass die Friedensbotschaft Jesu nicht für die Politik gelten kann, sondern nur für den Privatbereich und für „radikalpazifistische“ Einzelpersonen. Dabei unterschlagen Sie, dass die Zeit, in der Jesus gelebt hat, ebenso „sündige Welt“ war, geprägt von der gewalttätigen Pax Romana. Seine Ermordung am Kreuz hatte überwiegend politische Gründe. Die Christen, als Einzelpersonen oder Gemeinden, sollen „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ sein. Das kann nur – zumindest auch – politisch verstanden werden.

Falle 2. Sie argumentieren unter der Losung „Schuldig werden wir immer“. Konkretisiert in dem Zwiespalt: Wir sollten keine Waffen liefern, müssen jedoch den Opfern von Gewalt Beistand leisten. Sie übersehen die Aufforderung der Bergpredigt, sich zuerst um den „Balken im eigenen Auge“ zu kümmern, und dann um den „Splitter“ im Auge des anderen (auch wenn dieser tatsächlich auch ein „Balken“ ist). Sie hätten erkennen müssen, dass die Ablehnung der Ergebnisse von Istanbul im Frühjahr 2022 und die nachfolgende Tabuisierung von Verhandlungen (77) während der ersten drei Jahre des Ukrainekrieges den Opfern unermessliches zusätzliches Leid gebracht hat. Und wer Böses mit Bösem vergilt, wird Teil des Bösen. Jesu Aufforderung „Liebet eure Feinde“ habe ich in der Denkschrift nicht gefunden. Da geht es ja nicht um eine emotionale Liebeserklärung. Der erste Schritt wäre, dem Gegenüber zuhören, seine Ängste wahrnehmen und auf sein Sicherheitsbedürfnis eingehen. Wenn man das macht, wird man allerdings von der EU – mit der Zustimmung der Bundesregierung – sanktioniert.

Falle 3. Sie argumentieren – Mainstream hörig – geschichtsvergessen. Für die Denkschrift beginnen die aktuellen Herausforderungen im Februar 2022 und am 7. Oktober 2023. Die Vorgeschichten der Kriege in der Ukraine und Israel-Palästina werden ausgeblendet (63). Letztlich verdreht sich das Leitmotiv „Gerechter Friede“ zu einem Sieg-Frieden mit unsäglichen Opfern.

Fazit: In unseren Gesprächen, gerade mit kirchennahen Menschen, können wir auf die Bergpredigt verweisen. Hier finden wir die Impulse für einen Weg zum tatsächlichen Gerechten Frieden. Eugen Drewermann hat das kompetent im September 2025 in der Stadtkirche dargelegt. Hier der Link zur Videoaufnahme.

Doris:
Wir werden jetzt wieder einige Minuten schweigen. Wir denken an die Opfer der Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten, und an die Opfer der Kriege in anderen Ländern, die oft vergessen werden. An die Menschen, die im Krieg verletzt wurden an Leib und Seele. An alle, die ihr Leben verloren haben, seien es Soldaten oder Zivilisten. An alle, die ihre Heimat verlassen mussten und auf der Flucht sind. An die geschundene Natur, an die zerstörte Kultur. An alle, die sich gegen den Krieg einsetzen. Mögen die Politiker auf allen Seiten endlich zur Vernunft kommen und eine weitere Eskalation verhindern.

Doris:
Ich lese aus den Meditationen zu den zehn Geboten von Dorothee Sölle:

Das fünfte Gebot sagt mir:
Du sollst dich nicht am Töten beteiligen.
Du sollst deine Kinder nicht zum Töten erziehen.
Du sollst das Töten nicht mit vorbereiten
in Gedanken, Worten und Steuern.
Du sollst die Mittel zum Töten nicht erforschen,
herstellen, verbessern und verkaufen.
Du sollst nicht niederknien vor der Gewalt,
sondern niederknien vor dem Gott des Lebens
und den aufrechten Gang lernen.

Doris:
Ich möchte noch folgendes ansagen, bevor wir unsere Mahnwache beenden.

  • Wer sich am morgigen Samstag an unserer Friedensbanner-Aktion beteiligen kann, möge sich bitte nachher bei mir melden.
  • Am Sonntag, den 25. Januar um 10.45 Uhr findet im Rathaus in Mutlangen eine Veranstaltung zum 5. Jahrestag des Atomwaffenverbotsvertrags statt mit Redebeiträgen, Musik und einem gemeinsam gestalteten Buffet.
  • Am Montag, den 2. Februar, trifft sich wieder die Ökumenische Friedensgruppe der Stadtkirchengemeinde Schorndorf um 18.00 Uhr im Martin-Luther-Haus. An diesem Abend wird es hauptsächlich um unsere Reaktion auf die EKD-Friedensdenkschrift gehen.
  • Am 07. Februar beginnt um 14 Uhr auf dem Schlossplatz Stuttgart eine Kundgebung mit dem Titel “Frieden wählen“. Anlass ist die bevorstehende Landtagswahl. Bei der anschließenden Demonstration sollen dann einige Stationen besucht werden, die für die landespolitische Militarisierung in Stuttgart stehen. Flyer zur Veranstaltung liegen in der Mitte zum Mitnehmen aus.
  • Unsere nächste Mahnwache findet heute in einer Woche, am Freitag den 30.01. um 18.00 Uhr wieder hier auf dem Marktplatz statt.

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