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Heidrun:
Guten Abend. Ich begrüße Sie und euch zu unserer Mahnwache gegen den Krieg und für den Frieden. Danke allen, die gekommen sind.
„Ernstfall- Was, wenn Russland uns angreift?“
„Stellen Sie sich vor: Es ist Dienstag, der 27. Oktober 2026. 6.47 Uhr. Im Bundeskanzleramt in Berlin brennt Licht. Das fiktive Szenario: Russische Truppen stehen an der Grenze zu Litauen, offenbar bereit, in das Nato-Land einzumarschieren. Der Bundeskanzler hat seine wichtigsten Minister und Berater zu einer Krisensitzung zusammengerufen. Als alle um den Tisch Platz genommen haben, eröffnet er die Sitzung.“
Initiiert von der Springer-Medienmarke „Welt“ fand im Dezember 2025 ein Planspiel mit diesem Eingangsszenario statt. Ausgerichtet wurde das Spektakel an der Universität der Bundeswehr in Hamburg, in Zusammenarbeit mit dem „German Wargaming Center“, so nennt sich ein Lehrstuhl an jener Universität.
Tobias Riegel hat auf den NachDenkSeiten vom 06. Februar 2026 dazu einen Kommentar geschrieben. Ich zitiere:
„Dass Militärs auf der ganzen Welt Planspiele machen, um ihre Strategien anzupassen, ist weder neu noch grundsätzlich skandalös. Diese intern-militärischen Szenarien werden aber normalerweise (wenn sie einen real-konkreten militärischen Hintergrund haben) nicht von privaten Medienkonzernen veranstaltet und dann öffentlich aufgeführt. Wenn das hier besprochene Spiel echte militärische Relevanz hätte, wäre die praktizierte Öffentlichkeit selbst aus der Warte der Militaristen fragwürdig, denn dadurch würden ja eventuelle im Planspiel offengelegte (reale) „Schwächen“ dem „Gegner“ frei Haus geliefert.“
Aber die „Welt“ macht daraus dann einen mehrteiligen Podcast, Interviews mit den Spielern, „Expertentalks“ usw. Wie das medial ausgeschlachtet wird, kann man auf welt.de nachschauen. Podcastfolge 1 bspw. setzt ein mit dramatischer Musik und dem Zitat eines Spielers: „Vielleicht sollten wir mal ein Schiff versenken“.
„Abonnieren Sie den Podcast…, um keine Folge zu verpassen.“ ist in einem „Welt“-Artikel zu lesen.
„Und für alle, die noch tiefer einsteigen wollen, gibt es den Ernstfall-Pass mit einem exklusiven Blick hinter die Kulissen des Wargames. In acht Teilen bündelt er Interviews mit Protagonisten und Analysen sowie eine ausführliche Recherche, die die wichtigsten Hintergründe und strategischen Erkenntnisse aus den fünf Podcast-Folgen zusammenfasst und erklärt.“
Sieht man sich die Liste der „Mitspieler“ -dort genannt die 16 „Top-Experten“- an, ist man völlig fassungslos. Da geben sich militaristische Meinungsmacher (oder sollen wir Kriegstreiber sagen?) aus Staat und Politik ein Stelldichein, die sich anscheinend für nichts zu schade sind. Bspw. Ex-CDU-Generalsekretär Peter Tauber als Bundeskanzler, und ausgerechnet der CDU-»Außenpolitikexperte« Roderich Kiesewetter als Verteidigungsminister, usw. Weiteres kann man im verlinkten Artikel nachlesen.
Laut dem Blatt sei Zweck solcher Simulationen, «den Ernstfall durchzudenken, bevor er eintritt». Dabei dürfen sogenannte hybride Angriffe auf deutsche Infrastruktur nicht fehlen. Das Szenario umfasste etwa russische Cyberangriffe auf das Online-Banking und Desinformationskampagnen. Zitat „Welt“: „Deutschland soll erkennen, wo seine Schwächen liegen – und sie beheben, bevor der Ernstfall eintritt. Nur eine wehrhafte Demokratie kann sich behaupten, durch Abschreckung verhindern, dass es zum Äußersten kommt.“
Ähnlich äußerte sich der Spieler und Abgeordnete Kiesewetter gegenüber dpa: „Wer nie wieder Krieg will, darf nie wieder wehrlos sein.“ Das Kriegsspiel habe unter anderem verdeutlicht, wie wichtig eine frühzeitige und klare Information der Bevölkerung sei.
Cornelia Mannewitz, Bundessprecherin des DFG-VK (Verein Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen), sagte dazu: „Nicht nur das Spiel ist fiktiv, sondern auch die Vorstellung, dass Russland die NATO angreifen könnte. Die NATO ist vielfach überlegen. Beweise dafür, dass Russland einen Angriff vorbereitet, gibt es nicht.“
Da muss ich wieder an Jonas Tögel und seine Ausführungen zum Thema „kognitive Kriegsführung“ denken. Spielerisch, durch die Hintertür, sollen wir zur „Kriegstüchtigkeit“ erzogen werden.
So kommt auch Tobias Riegel zu dem Schluss:
„Die Vermutung liegt aber nahe, dass dieses Planspiel für die konkrete „Verteidigung“ Deutschlands völlig bedeutungslos ist, und dass es sich bei dem Schauspiel stattdessen um eine reine Maßnahme zur Kriegsertüchtigung der Bevölkerung handelt: Aktionen wie das hier besprochene Wargame sollen durch unseriöse militaristische Meinungsmache bereits installierte falsche Behauptungen weiter zementieren. Dadurch wird das russische Drohbild immer wieder erneuert, mit dessen Hilfe unsere Gesellschaft gerade militarisiert werden soll. Da die Fakten für das prognostizierte Szenario fehlen, wird auch mit emotionalen Inszenierungen gearbeitet.
Da es die Bedrohungslage in der behaupteten Form nicht gibt, geschieht all das unter falschen Vorzeichen und muss darum zwingend ein unseriöses Ergebnis liefern. Aber durch die permanente Wiederholung der Behauptung – nun auch durch das Planspiel – wird die „Bedrohung“ zum angeblichen „Fakt“: Viele weniger gut informierte Bürger in Deutschland haben die Angst vor einer „russischen Gefahr“ bereits fest verinnerlicht, obwohl es keine militärisch-politischen Tatsachen gibt, die das rational begründen würden.
Was hier also „spielerisch“ daherkommt und angeblich nur zu dem Zweck veranstaltet wird, „unsere Schwächen zu erkennen“, das ist nichts weiter als ein weiterer propagandistischer Mosaikstein in der Erziehung der Deutschen zu mehr Kriegswilligkeit.“
Manche können den Krieg wohl kaum abwarten, oder die Vorbereitung darauf. Alles defensiv, versteht sich. Fehlt es an realen Bedrohungen für die NATO, muss eben Krieg gespielt werden. Kriegsspiele als Podcast zum Spaß und mit Nervenkitzel, initiiert von Medien und Politikern, das finde ich unerträglich, das ist der Gipfel der Geschmacklosigkeit.
Wir brauchen keine Kriegsvorbereitungen; wir brauchen Vernunft und Besonnenheit in dieser angespannten Lage. Wir brauchen auch von Seiten Europas, von Seiten Deutschlands Unterstützung der Friedensverhandlungen zum Ukrainekrieg. Wir brauchen eine friedliche und dauerhafte Ordnung in Europa, das sind wir den nächsten Generationen schuldig.
Doris:
Wir werden jetzt wieder einige Minuten schweigen. Wir denken an die Opfer der Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten, und an die Opfer der Kriege in anderen Ländern, die oft vergessen werden. An die Menschen, die im Krieg verletzt wurden an Leib und Seele. An alle, die ihr Leben verloren haben, seien es Soldaten oder Zivilisten. An alle, die ihre Heimat verlassen mussten und auf der Flucht sind. An die geschundene Natur, an die zerstörte Kultur. An alle, die sich gegen den Krieg einsetzen. Mögen die Politiker auf allen Seiten endlich zur Vernunft kommen und eine weitere Eskalation verhindern.
Heidrun:
Auszug aus einem Lied/ Gedicht von Bettina Wegner (1977):
Was ich noch sagen will
Was ich noch sagen will
Sei nicht so lau und still
wenn was zu sagen wär‘
Hab doch nicht solche Angst
dass man dir übelnimmt
wenn deine Haltung stimmt.
Und lass dich nicht bekehr‘n
dass Schweigen leichter ist.
Man lässt dabei Gesicht….
Denn irgendwann einmal
kann sein, dass man vergisst
was Recht und Unrecht ist,
Dass man vergessen hat
wie ein Mensch leben muss
und hat es doch gewusst.
Wenn du so ruhig sitzt
obwohl du sicher bist
dass was zu machen ist
und du die Schnauze hältst
obwohl du sicher bist
dass was zu sagen ist!
Doris:
Ich möchte noch folgendes ansagen, bevor wir unsere Mahnwache beenden.
• Wer sich am morgigen Samstag an unserer Friedensbanner-Aktion beteiligen kann, möge sich bitte nachher bei mir melden.
• Ebenfalls morgen beginnt um 11 Uhr vor dem Bezirksrathaus in Stuttgart-Vaihingen eine
Demonstration mit dem Thema «US-Militärstützpunkte EUCOM und AFRICOM in Stuttgart schließen!» Die Abschlusskundgebung ist um14 Uhr vor dem EUCOM. Veranstalter sind 7 Stuttgarter Friedensgruppen.
• Am Sonntag, den 22. Februar findet von 14-16.30 Uhr eine Online-Veranstaltung zum 4. Jahrestag des Ukrainekrieges statt. Thema: «Stoppt das Töten: Stimmen aus der Ukraine und Russland». Es gibt u.a. Beiträge zu den gesundheitlichen und psychischen Folgen, zur Kriegsdienstverweigerung und zu sozialen Bewegungen in der Ukraine und in Russland. Veranstalter sind über 10 große Friedensorganisationen. Nähere Informationen und Anmeldung beim Netzwerk Friedenskooperative.
• Am Donnerstag den 5. März wird es wieder bundesweit in vielen Städten einen Schulstreik gegen die Wehrpflicht geben. Auf dieser Bewegung ruht unsere Hoffnung, dass immer mehr junge Menschen aufstehen und sich der Militarisierung unserer Gesellschaft entgegenstellen.
• Unsere nächste Mahnwache findet heute in einer Woche, am Freitag den 27.02. um 18.00 Uhr wieder hier auf dem Marktplatz statt.
