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Martin:
Guten Abend. Ich begrüße Sie und Euch im Namen der Friedensinitiative Schorndorf zu unserer heutigen 155. Mahnwache gegen den Krieg und für den Frieden. Schön, dass ihr gekommen seid.
Mein erster Besuch in Palästina war 1959. Wir waren eine 7-köpfige Gruppe von Tübinger Theologiestudent*innen. Es ging zwar um biblische Archäologie, doch nachhaltiger sind für mich die Erinnerungen an die Abenteuer mit unseren beiden, damals schon uralten VWs, – und vor allem die Begegnungen mit Menschen, die den Nakba, die gewaltsame Vertreibung von Hunderttausenden Palästinenser*innen aus dem vom Staat Israel beanspruchten Gebiet, erlebt hatten. Das Westjordanland war damals noch – bis 1967 – Teil von Jordanien. In Jerusalem wohnten wir in einem Gästehaus der Deutsch-Lutherischen Kirche im Zentrum von Alt-Jerusalem, das zur Erlöser-Kirche gehört. Mit ihrem Turm markiert sie dieses bedeutsame Zentrum. Eröffnet wurde sie am Reformationstag, 31. Oktober 1892, in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm II.
Warum erzähle ich das? Diese Kirche ist bis heute ein Symbol und Zentrum ökumenischer Gemeinschaft und Solidarität. Am 31. Oktober 2025, dem diesjährigen Reformationstag, wurde dort wieder ein internationaler, ökumenischer Reformations-Gottesdienst gefeiert. Gäste waren diesmal u.a. eine Delegation aus Nordrhein-Westfalen, zu der auch Abraham Lehrer vom Zentralrat der Juden in Deutschland gehörte. Die Predigt hielt Bischof Dr. Sani Ibrahim Azar. Hier einige Ausschnitte der Predigt:
„Liebe Brüder und Schwestern in Christus, heute feiern wir den 508. Jahrestag der lutherischen Reformation. Diese Reformation war eine Zeit der Rückkehr zur Bibel, um eine neue Beziehung und ein neues Verständnis von Gottes Willen für die Menschen zu beginnen…
Unser Bekenntnis zur Reformation prägt unsere Rolle und Mission in unserer Gesellschaft…
Aber wie sieht Reformation nach zwei Jahren Völkermord aus? Was bedeutet Reformation, wenn wir eine Welt, ein Land betrachten, das so zerbrochen ist? Wie sieht Reformation aus, wenn Kinder von Schulen getrennt sind, Gläubige von Kirchen getrennt sind, Familien durch Militärkontrollpunkte und Barrikaden voneinander getrennt sind? Wenn Menschen zu Unrecht inhaftiert sind? Wenn Familien immer noch unter Trümmern nach ihren Angehörigen suchen?
Wenn die internationale Gemeinschaft das Leiden der Palästinenser ignoriert, ist das ein Aufruf zur Reformation. Wenn palästinensische Christen aus ihrer Heimat vertrieben werden und unsere Kirchen Gefahr laufen, zu Museen zu werden, ist das ein Aufruf zur Reformation. Wenn die vorherrschende Darstellung in den Medien die Palästinenser entmenschlicht und die Existenz palästinensischer Christen ignoriert, ist das ein Aufruf zur Reformation.
Wir sind dankbar für den Waffenstillstand in Gaza. Wir beten dafür, dass er hält und dass unsere Geschwister in Gaza Zeit haben, sich auszuruhen, zu trauern und den langen Prozess des Wiederaufbaus zu beginnen. Wir beten und arbeiten auch weiterhin für einen dauerhaften Frieden, der auf Gerechtigkeit basiert. Hier in Jerusalem und in der Westbank verbessert sich unsere Lage nicht. Sie verschlechtert sich von Tag zu Tag.
In Psalm 46, der Grundlage für Luthers berühmtes Kirchenlied „Eine feste Burg ist unser Gott“, schreibt der Psalmist: „Er, der den Kriegen ein Ende macht in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt. Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin! Ich will mich erheben unter den Völkern, ich will mich erheben auf Erden. Der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz.»
Für mich ist diese Predigt ein einziger Hilfeschrei. Doch während der Predigt verließ Abraham Lehrer aus Protest den Gottesdienst, und auf der Facebook-Seite „evangelisch.de“ begann am nächsten Tag eine hitzige Debatte (Ausschnitte davon werdet Ihr auch auf der Homepage finden).
Zu diesem Vorfall verfassten die Tübinger Religionswissenschaftlerin Katja Buck und Pfarrer Andreas Maurer aus Winnenden einen Offenen Brief, der in nur einem Tag von über 500 ökumenisch- und friedensgesinnten Menschen unterschrieben wurde. Diesen möchte ich jetzt – leicht gekürzt – vorlesen:
Offener Brief aus Anlass der Kritik an Bischof Ibrahim Azar in Jerusalem:
An die Präses der EKD-Synode, Anna-Nicole Heinrich,
an die EKD-Rats-Vorsitzende, Kirsten Fehrs,
an alle Mitglieder des Präsidiums der EKD-Synode und des EKD-Rats,
an die Kirchenleitenden der evangelischen Landeskirchen in Deutschland
Mit Irritation und Sorge verfolgen wir die öffentliche Diskussion in Deutschland um die Predigt des Bischofs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land (ELCJHL), Ibrahim Azar, in der Jerusalemer Erlöserkirche am Reformationstag. Darin war Bischof Azar auf die Situation in Palästina eingegangen und hatte an die Gottesdienstgemeinde gerichtet die Frage gestellt, vor welchen Herausforderungen eine reformatorische Kirche im Heiligen Land nach zwei Jahren Krieg in Gaza steht. Die Predigt hatte er auf Arabisch gehalten. In der auf Deutsch und Englisch gedruckt vorliegenden Fassung waren die Begriffe „Völkermord“ bzw. „genocide“ verwendet worden.
Der Vize-Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, der zusammen mit einer Delegation des nordrhein-westfälischen Landtags den Gottesdienst besucht hatte, verließ daraufhin die Erlöserkirche. Am anschließenden Empfang der Gemeinde nahm auch die Delegation nicht mehr Teil. Die mitreisende Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Adelheid Ruck-Schröder, sprach später Medien gegenüber von einem „Skandal am Reformationstag“ und entschuldigte sich stellvertretend dafür, dass Lehrer in diese Situation gekommen sei. Landtagspräsident André Kupper (CDU) kritisierte die Wortwahl als „inakzeptabel und auch nicht hinnehmbar“. Und die nordrhein-westfälische Antisemitismusbeauftragte Sylvia Löhrmann (Grüne) bezeichnete es als „entsetzlich und beschämend, dass die Perspektive der Jüdinnen und Juden mit dem 7. Oktober nicht in der Predigt auch angesprochen worden ist.“ Hier zeige sich „das antisemitische Muster der Täter-Opfer-Umkehr.“ Auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) distanzierte sich „deutlich vom Sprachgebrauch durch Bischof Azar.“ Der von ihm verwendete Völkermord-Begriff trage zur Spaltung bei und stehe einer Verständigung und Versöhnung entgegen, heißt es von Seiten der EKD.
Bischof Azar hat inzwischen seine geplante Teilnahme an der am Sonntag, 9.11.2025 beginnenden EKD-Synode in Dresden abgesagt.
Als evangelische Christinnen und Christen in Deutschland und Menschen, die der Evangelischen Kirche nahestehen, halten wir die Vorwürfe gegenüber Bischof Azar für problematisch und nicht haltbar. Bischof Azar hatte sich in seiner Predigt besonders an seine palästinensische Gemeinde gewandt, die sich in der Tradition der Reformation sieht und ihren Glauben nicht nur im Gebet, sondern auch im Handeln lebt. Seit Jahrzehnten gilt die ELCJHL vor Ort und in der ganzen Region als verlässliche Mittlerin sowohl in der christlichen Ökumene als auch im interreligiösen Dialog. Wer sind wir als evangelische Christen in Deutschland, einem palästinensischen Bischof vorzuschreiben, wie er die Realität in seinem Land zu bezeichnen hat?! Die Frage, ob das Vorgehen Israels gegenüber den Palästinensern in Gaza als Genozid bezeichnet werden kann, wird international diskutiert. Zahlreiche namhafte Völkerrechtler und auch jüdische Experten in Israel und den USA sehen den Tatbestand erfüllt. Juristisch wird dies erst der Internationale Gerichtshof in Den Haag klären. Die Aussagen von Bischof Azar kamen jedoch aus seiner und seiner Gemeinde existenziellen Betroffenheit.
Wir kritisieren jene Kirchenleitenden in der EKD, die sich das Recht herausnehmen, den Sprachgebrauch eines palästinensischen, kirchenleitenden Christen, der direkt vom Nahostkonflikt betroffen ist, zu verurteilen…
Wir wünschen uns, dass die Verantwortlichen in der EKD konsequent für einen gerechten Frieden für alle Menschen im Heiligen Land eintreten…
- November 2025
Katja Dorothea Buck (Tübingen)
Pfr. Andreas Maurer (Winnenden)
mit ca. 500 Unterstützenden, mindestens drei davon aus Schorndorf.
Und noch kurze Bemerkungen von mir: Ich finde es beschämend, wie sich die Leitung der EKD hier verhalten hat. Sie hat sich der offiziellen Regierungslinie zu Israel unterworfen. Das ist übrigens, in erschreckendem Maße, auch bei der jüngst veröffentlichten neuen „Friedens“-Denkschrift so. Sie wird uns noch beschäftigen.
Daher finde ich es wichtig, in der Kirche zu bleiben (!), an den Wahlen am nächsten Sonntag teilzunehmen (wer noch Mitglied ist) die Offene Kirche zu unterstützen und die Erneuerung der Kirche von innen zu betreiben. Es gibt Begriffe und Formulierungen, die in bestimmten Situationen sofort heftige Reaktionen hervorrufen. Hier ist es wichtig zu bedenken, wo und wie wir sie verwenden. In persönlichen Gesprächen oder jetzt in Jerusalem finde ich es richtig, Völkermord, Apartheidstaat, zionistischen Kolonialismus als das zu benennen, was sie sind, und mögliche Beschimpfungen mutig auszuhalten. Beim Aufruf für die Demos am 3.10. hieß es – vernünftigerweise – „Die Bundesregierung darf sich nicht weiter schuldig machen an einer von immer mehr Staaten und Organisationen als Völkermord klassifizierten Kriegsführung im Gazastreifen.“
Gemäß Mt.10,16 sandte Jesus seine Jünger aus mit dem Ratschlag: „Ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe. Darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben!“
Das gilt auch für uns heute.
Doris:
Wir werden jetzt wieder 5 Minuten schweigen. Wir denken an die Opfer der Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten, und an die Opfer der Kriege in anderen Ländern, die oft vergessen werden. An die Menschen, die im Krieg verletzt wurden an Leib und Seele. An alle, die ihr Leben verloren haben, seien es Soldaten oder Zivilisten. An alle, die ihre Heimat verlassen mussten und auf der Flucht sind. An die geschundene Natur, an die zerstörte Kultur. An alle, die sich gegen den Krieg einsetzen. Mögen die Politiker auf allen Seiten endlich zur Vernunft kommen und eine weitere Eskalation verhindern.
Doris:
Ich lese Worte von Guy de Maupassant, französischer Schriftsteller im 19. Jahrhundert:
„Der Krieg – wenn ich nur an dieses Wort denke, so überkommt mich ein Grauen… Wir besitzen heute, zu unserer Zeit, mit unserer Kultur, mit dem so ausgedehnten Wissen, auf so hoher Stufe der Entwicklung, auf der wir angelangt zu sein glauben – wir besitzen Schulen wo man lernt zu töten – auf recht große Entfernung zu töten, eine recht große Anzahl auf einmal… Das Eigenartige ist, dass die Völker sich dagegen nicht erheben, dass die ganze Gesellschaft nicht revoltiert bei dem bloßen Worte Krieg…
Jeder, der regiert, ist ebenso verpflichtet, den Krieg zu vermeiden, wie ein Schiffskapitän verpflichtet ist, den Schiffbruch zu vermeiden…
Wenn die Völker sich weigerten, ohne Grund sich töten zu lassen, dann wäre es mit dem Kriege aus.“
Doris:
Ich möchte noch folgendes ansagen, bevor wir unsere Mahnwache beenden:
- Wer sich morgen an unserer Friedensbanner-Aktion beteiligen kann, möge sich bitte nachher bei mir melden.
- Am Montag, den 24. November, liest um 19 Uhr in der Glockenkelter Stetten Frau Helga Baumgarten aus ihrem Buch „Völkermord in Gaza“. Frau Baumgarten leitete 2004 – 2019 an der palästinensischen Universität im Westjordanland das Fachgebiet Demokratie und Menschenrechte. Sie lebt bis heute in Ost-Jerusalem und bietet fundierte Informationen aus erster Hand. Der Aufruf wird von zahlreichen Organisationen unterstützt.
- Immer mehr Menschen in Deutschland wollen den Dienst an der Waffe verweigern. Bis Ende Oktober 2025 gingen beim zuständigen Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben schon 3.034 Anträge auf Kriegsverweigerung ein. Im Jahr 2021 waren es insgesamt 201.
Dazu passt, dass bei der SWR-Hitparade im Oktober das Lied „Nein, meine Söhne geb´ ich nicht“ von Reinhard Mey in der Stadt Stuttgart auf Platz 4 gewählt wurde. Das ist ein starkes Zeichen.
- Für den 5. Dezember ist ein bundesweiter Aktionstag gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht geplant. Schüler wollen streiken, an zentralen Orten sollen Protestzüge, Kundgebungen und kreative Aktionen stattfinden. In vielen Städten werden sie dabei von lokalen Bündnissen, Gewerkschaften und Friedensinitiativen unterstützt. Wir werden noch Näheres berichten.
- Unsere nächste Mahnwache ist heute in einer Woche, am Freitag, 28. November um 18.00. Wegen des Weihnachtsmarkts findet sie dann am Mondscheinbrunnen neben der Stadtkirche statt.
