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Doris:
Guten Abend. Ich begrüße Sie und euch zu unserer Mahnwache gegen den Krieg und für den Frieden. Vielen Dank allen, die heute gekommen sind.
Fast genau vor vier Jahren, am 25. 02. 2022, haben wir uns hier zum ersten Mal zu einer Mahnwache versammelt, da am Tag zuvor russische Truppen in die Ukraine einmarschiert waren. Über 100 Menschen sind damals zusammengekommen, um ihrer Bestürzung über dieses Geschehen Ausdruck zu verleihen. Heute stehen wir immer noch hier – ratlos, wütend und unsagbar traurig.
Am vergangenen Dienstag wurde der Jahrestag des russischen Überfalls begangen: Berichte und Kommentare in den Zeitungen, Sondersendungen, Dokumentationen und Talkshows auf allen Kanälen. Jeder der meint, etwas zu sagen zu haben, darf sich äußern, sofern er die Mehrheitsmeinung vertritt. Abweichende Meinungen sind kaum zu hören. Gedenkveranstaltungen in der Ukraine und in Russland, Durchhalteparolen und Siegesphantasien auf beiden Seiten. Politiker vieler Länder bekunden ihre uneingeschränkte Solidarität mit der Ukraine. Es ist viel von Tapferkeit und Heldentum die Rede. Und der Ansporn, keine Kompromisse einzugehen, sondern weiter zu kämpfen. Bundeskanzler März sagte: „Gerade aus der Erfahrung der eigenen Geschichte heraus stehen wir heute so klar, so fest und so unverbrüchlich an Ihrer Seite“. Ich frage Herrn Merz: Hat Deutschland nicht schon mehrmals in der Geschichte Russland überfallen? 27 Millionen Tote in der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg – wo ist die Scham darüber? Schon vergessen? Die einzige Lehre aus der Geschichte kann doch nur heißen: „Nie wieder Krieg!“
Wir fragen uns immer wieder: Wo ist die Wahrheit in diesem Krieg? Ich nenne 5 Aussagen, die wir häufig hören.
- Man sagt uns: „Selenskyj ist bereit zu einem bedingungslosen Waffenstillstand“. Beim genaueren Hinschauen erfahren wir aber, dass er als Voraussetzung dafür einen vollständigen Rückzug der russischen Truppen nennt. Also alles Andere als bedingungslos.
- Man sagt uns: „Der Westen tut doch alles, um den Krieg zu beenden“. Beim genaueren Hinschauen erfahren wir aber, dass gleichzeitig neue Sanktionspakete gegen Russland und neue Waffenlieferungen an die Ukraine auf den Weg gebracht werden. Nicht nur Verteidigungswaffen, sondern auch Angriffswaffen.
- Man sagt uns: „Putin will keinen Frieden.“ Die Meldungen über permanente russische Angriffe auf die Zivilbevölkerung und die Infrastruktur in der Ukraine bestätigen das. Beim genaueren Hinschauen erfahren wir aber, dass die Ukraine ebenfalls Hunderte von Drohnen auf Ziele tief im Inneren Russlands sowie auf die Krim abgefeuert hat. Und dass sie permanent neue Angriffsdrohnen produziert.
- Man sagt uns: „Das ukrainische Volk will weiter für seine Freiheit kämpfen“. Beim genaueren Hinschauen erfahren wir aber, dass es sehr wohl viele Zivilisten gibt, die auch Kompromisse eingehen würden, um das Töten zu beenden. Und dass es eine sehr große Zahl an Deserteuren gibt, sowohl in der Ukraine, als auch in Russland. Sie wollen einfach nur leben, und das ist ihr gutes Recht.
- Man sagt uns: „Russland hat den Krieg angefangen“. Das ist richtig. Beim genaueren Hinschauen erfahren wir aber, welche Hintergründe es dafür gibt, welche Vorgeschichte diesen Krieg ausgelöst hat. Nein, das ist keine Rechtfertigung. Wir weigern uns jedoch, die Welt in nur Gute und nur Böse, in nur Schuldige und nur Nicht-Schuldige einzuteilen. Die Wirklichkeit ist viel komplexer.
Es ist gut, dass es Friedensorganisationen und andere Experten gibt, die sich auch zu Wort melden.
Die Ärzte-Organisation IPPNW hat zum 4. Jahrestag des Ukraine-Kriegs eine Pressemitteilung herausgegeben. Sie berichtet darüber, was dieser Krieg konkret bedeutet. Es gebe keine eindeutigen Daten zu den Opferzahlen des Krieges, weder in Bezug auf die Zivilbevölkerung noch in Bezug auf die Soldaten auf beiden Seiten. Nach Schätzungen gebe es in der Ukraine mehr als 15 000 zivile Tote sowie 140 000 getötete Soldaten. In Russland spreche man von über 300 000 toten Soldaten. Die tatsächlichen Zahlen liegen jedoch voraussichtlich wesentlich höher. Dazu kommen noch mehr Verletzte. Zitat: „Durch den Zusammenbruch von Versorgungsstrukturen infolge des russischen Bombardements sterben viele chronisch Kranke früher, das sind zum Beispiel Patient*innen mit Herzinfarkt, Diabetes und Krebskranke. Mit mehr als einer Million Menschen an der Front werde die Ukraine „das Land der Menschen mit Behinderungen“ werden. Die Zahl der Amputationen soll zwischen 50.000 und 100.000 liegen.“ Ich merke, dass ich nicht annähernd begreifen kann, welche menschlichen Schicksale sich hinter all diesen Zahlen verbergen.
Die IPPNW beschreibt nicht nur die Schrecken des Krieges, sie setzt sich von jeher für ein Ende des Krieges ein. Sie fordert aktuell von Bundesregierung und EU einen Strategiewechsel in ihrer Ukraine-Politik. Sie sollten wieder eigene Gesprächskanäle, Dialogformate und diplomatische Kontakte mit Russland initiieren oder reaktivieren. Deutschland solle sich zudem für ein gesichertes Ende der NATO-Osterweiterung einsetzen, eingebettet in das Prinzip der Gemeinsamen Sicherheit, das sowohl die Sicherheitsinteressen Russlands als auch jene der Ukraine berücksichtigt. Soweit die IPPNW.
Ernst Delle hat mir ein Interview mit Erich Vad, Brigadegeneral a. D. und ehemaliger militärpolitischer Berater von Angela Merkel, zugeschickt. Überschrift: „Vier Jahre sinnloses Blutvergießen – die Rolle Deutschlands und warum Frieden mit Russland möglich ist“. Ich möchte einige Abschnitte daraus vorlesen.
„Wir sehen noch immer einen vernichtenden Zermürbungs- und Abnutzungskrieg. Sämtliche erfolgreichen Offensiven der Ukraine sowie unsere massiven Waffenlieferungen bis zum heutigen Tag haben letzten Endes nichts gebracht… Dieser Krieg war aufgrund der Kräfteverhältnisse nie auf dem Schlachtfeld zu gewinnen. Unsere Politik der puren Waffenlieferungen ohne Verhandlungen war und ist unsinnig. Das ist nun deutlich zu sehen. Aber weiterhin fallen täglich die Soldaten… Hinter jedem toten Soldaten steht zudem eine Mutter, die ihren Sohn, eine Frau, die ihren Mann, ein Kind, das seinen Vater verloren hat. Unter dem Strich bekämpfen und töten sich namenlose ukrainische und russische Soldaten, die nicht das Geld hatten, sich ins Ausland abzusetzen … Weil die ukrainische Armee aufgrund Hunderttausender Fahnenflüchtiger nicht mehr genug Soldaten hat, kommt es sogar zu verzweifelten Zwangsrekrutierungen, über die im Westen kaum berichtet wird. Und deutsche Politikerinnen und auch einige Leitmedien befeuern diesen sinnlosen Krieg immer noch. In Debatten, in Talkshows, selbst auf Kirchentagen wird der Krieg angeheizt…
Amerikaner und Russen verhandeln ja seit eineinhalb Jahren… Europa hat bei alledem nur zugesehen… Es gab chinesische und brasilianische Friedensinitiativen. Nur aus Europa und auch Deutschland kam rein gar nichts. Die Europäer waren und sind sogar stolz darauf, nicht mit den Russen zu reden… Wir stellen deutsche Sicherheitsinteressen hintan und nehmen sogar die Eskalation in einen europäischen Krieg in Kauf… Russland wird auch nach dem Ukraine-Krieg nicht von der Landkarte verschwinden und bleibt uns als Nachbar erhalten. Wir müssen – viel dringlicher, als es uns die Amerikaner vorexerzieren – mit den Russen in den Dialog kommen! Die Russen wollten keine Nato-Mitgliedschaft der Ukraine und keine westlichen Waffen an ihren Grenzen. Sie wollen keine westlichen Soldaten in der Ukraine, und sie wollen ein Mindestmaß an Kontrolle über die Ukraine als Pufferstaat gegenüber dem Westen – aus ihrer Sicht betrachtet. So wie die anderen Großmächte es an ihren Grenzen auch wollen…
Wir können die Beziehungen zu Russland wiederbeleben. 1955 ist Konrad Adenauer nach Moskau gereist. Mit einer starken Delegation von rund 150 Parlamentariern, mit Beratern aus dem Kanzleramt und dem Deutschen Bundestag. Konrad Adenauer hat damals den Grundstein gelegt für die neuen deutsch-russischen Beziehungen… Von Willy Brandt bis Angela Merkel haben alle deutschen Kanzler einen direkten, wenn auch nicht immer spannungsfreien Draht in den Kreml gehabt. Da müssen wir mit Blick auf unsere Interessenlage wieder hinkommen.“ Soweit Erich Vad.
Der gesamte Artikel ist hier zu lesen.
Man sagt uns: „Putin versteht nur die Sprache der Gewalt“. Gemeint ist damit, dass man ihn nur mit Gewalt oder Androhung von noch mehr Gewalt in die Schranken weisen kann. Das hat der Westen vier Jahre lang versucht. Es hat nicht zu einem Einlenken geführt. Daher ist es Zeit, eine andere Methode zu wählen: die Sprache der Diplomatie und der Deeskalation.
Doris:
Wir werden jetzt wieder einige Minuten schweigen. Wir denken an die Opfer der Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten, und an die Opfer der Kriege in anderen Ländern, die oft vergessen werden. An die Menschen, die im Krieg verletzt wurden an Leib und Seele. An alle, die ihr Leben verloren haben, seien es Soldaten oder Zivilisten. An alle, die ihre Heimat verlassen mussten und auf der Flucht sind. An die geschundene Natur, an die zerstörte Kultur. An alle, die sich gegen den Krieg einsetzen. Mögen die Politiker auf allen Seiten endlich zur Vernunft kommen und eine weitere Eskalation verhindern.
Doris:
Ich lese ein Gedicht des griechischen Komponisten Mikis Theodorakis aus der Mauthausen-Kantate. Es handelt von der Sehnsucht nach Frieden.
Wenn der Krieg vorbei ist
Du Liebste mit den leiderfüllten Augen
Du Liebste mit erfror’nen, rauen Händen
Vergiss mich nicht, wenn dieser Krieg einmal vorbei ist
Dann komm ans Tor, in all der Freude
Wir küssen uns auf off´ner Straße
und woll´n uns auf dem Platz umarmen
Dann geh´n wir Hand in Hand zum Steinbruch
Ich führe dich hoch auf den Wachturm
und wo das Gras war, steh´n dann Rosen.
Dann dürfen wir uns endlich lieben
auch dort, wo uns der Tod vertraut war,
uns lieben, bis wir friedlich sterben.
Du Liebste mit den leiderfüllten Augen
Du Liebste mit erfror´nen, rauen Händen
Vergiss mich nicht, wenn dieser Krieg erst mal vorbei ist.
Doris:
Ich möchte noch folgendes ansagen, bevor wir unsere Mahnwache beenden.
- Wer sich am morgigen Samstag an unserer Friedensbanner-Aktion beteiligen kann, möge sich bitte nachher bei mir melden.
- Ebenfalls morgen veranstalten die „Omas gegen Rechts“ und das „Bündnis gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“ um 18.00 Uhr eine Lichter-Aktion auf dem Marktplatz
- Am Montag, den 02. März trifft sich die Ökumenische Friedensgruppe der Stadtkirchengemeinde um 18.00 Uhr im Martin-Luther-Haus. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.
- Ebenfalls am nächsten Montag spricht um 19 Uhr im Haus der Katholischen Kirche in Stuttgart Oberst a. D. Wolfgang Richter über Wege und Perspektiven für ein Ende des Ukraine-Kriegs.
- Am Donnerstag den 5. März wird es wieder bundesweit in vielen Städten einen Schulstreik gegen die Wehrpflicht geben. Stand heute sind 111 Städte beim Netzwerk Friedenskooperative angemeldet. In Stuttgart beginnt um 11.30 Uhr eine Demonstration auf dem Schlossplatz.
- Unsere nächste Mahnwache findet heute in einer Woche, am Freitag den 06.03. um 18.00 Uhr wieder hier auf dem Marktplatz statt.Wer in nächster Zeit einen kurzen Redebeitrag beisteuern kann, ist herzlich dazu eingeladen. Es muss kein selbst verfasster Beitrag sein, man kann auch einfach einen Text vorlesen oder einen literarischen Beitrag. Das wäre für uns eine große Entlastung.
