Mahnwache vom 13.05.2022 der Friedensinitiative Schorndorf

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Doris:

Mein Name ist Doris Kommerell von der Friedensinitiative Schorndorf.
Vielen Dank allen, die heute gekommen sind. Besonders denen, die zur Mahnwache kommen, auch wenn sie inhaltlich nicht immer mit uns einig sind.
Danke der Stadt Schorndorf für die Genehmigung der wöchentlichen Mahnwachen.
Danke der Firma Schmid für die kostenlose Überlassung der Mikrofonanlage.

Wir sind heute wieder hier versammelt, weil uns die Nachrichten der vergangenen Woche verstören und beunruhigen. Wir versuchen, diese Nachrichten zu verstehen, einzuordnen, zu deuten. Oftmals gelingt das nicht.

Da war der 8. Mai bzw. der 9.Mai, der Tag der Beendigung des 2. Weltkriegs und der Befreiung vom Nationalsozialismus. Sowohl in Deutschland als auch in Russland gab es zahlreiche Gedenkveranstaltungen. Wenn man dieses Gedenken ernstnimmt, ist doch die einzige logische Konsequenz: Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus! Es irritiert uns, wie beide Seiten diese Forderungen für ihre jeweilige Sicht der Dinge instrumentalisieren.

Präsident Putin hat seinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine damit begründet, er müsse die Ukraine vom Nationalsozialismus befreien. So, wie vor 77 Jahren die Sowjetunion Deutschland vom Nationalsozialismus befreit hat. Solche Vergleiche sind nicht richtig und nicht weiterführend.

Unser Bundespräsident und unser Bundeskanzler haben ebenfalls Vergleiche gezogen, jedoch genau in die entgegengesetzte Richtung. Der Kampf  der Ukraine gegen Russland wurde mit dem Kampf der Alliierten gegen Nazideutschland gleichgesetzt. Auch das ist geschichtlich ziemlich fragwürdig.

Jede Seite beansprucht für sich, gegen den Nationalsozialismus zu kämpfen. Das und alle Vergleiche mit Adolf Hitler sind absolut nicht hilfreich.

Mit der Forderung „Nie wieder Krieg“ rechtfertigt Putin paradoxerweise seinen Angriffskrieg.
Mit der Forderung „Nie wieder Krieg“  rechtfertigt unser Bundeskanzler die Liefreung sogenannter schwerer Waffen, nämlich Angriffswaffen, an die Ukraine. Und er verkündet, die Ukraine müsse den Krieg gewinnen. Solche Widersprüche wühlen uns auf.

Laut Nachrichten vom letzten Mittwoch hat die Ausbildung ukrainischer Soldaten an den versprochenen Panzerhaubitzen in Deutschland begonnen. Obwohl ein Gutachten des wissenschaftlichen Diensts des Bundestags besagt, dass Deutschland dadurch zur aktiven Kriegspartei werden kann. Somit trägt Deutschland zur weiteren Eskalation bei. Das macht uns Angst.

Laut Nachrichten vom gestrigen Donnerstag wäre die Ukraine in den ersten Kriegswochen noch bereit gewesen, sich mit Russland auf eine Lösung in etwa des Zustands von vor dem Krieg zu einigen. Inzwischen ist es ukrainisches Kriegsziel, Russland vollständig aus der Ukraine zu vertreiben. Ideellen Rückhalt und die nötigen Waffen für dieses Ziel erhält die Ukraine aus den USA, anderen NATO-Staaten und auch aus Deutschland. Die Gefaht wächst, dass Russland nicht etwa kapituliert, sondern Atomwaffen einsetzt. Auch unsere Politiker wissen das. Wir fragen uns, was tun sie dagegen?

Und nun heute die Nachricht, dass Finnland der NATO beitreten will und dass unser Bundeskanzler dies absolut unterstützt. Schon hat Russland Gegenmaßnahmen angekündigt. Warum nur setzen unsere Politiker in dieser zum Zerreißen angespannten Situation weiterhin auf Provokation anstatt auf Deeskalation?

Die einzige Lösung wäre ein baldiger Waffenstillstand, bei dem beide Seiten das Gesicht wahren können. Anders wird keine Seite einem Ende der Kämpfe zustimmen. Deutschland muss, wenn es seiner besonderen historischen Verantwortung gerecht werden will, sich mit aller Kraft dafür einsetzen.

Wir hören jetzt Martin Jaeger.

Martin Jaeger:

Ich bin Mitglied einer kleinen Gruppe engagierter Christen, die seit Jahrzehnten in Schorndorf ökumenische Friedensgebete organisiert. Ich wurde gebeten, „als Theologe“ etwas zu sagen. Eigentlich ist das ganz einfach: Christsein heißt, das Leben in den Fußstapfen Jesu zu wagen. Und da haben Krieg und die Vorbereitung darauf nichts zu suchen. Auch wenn manche Theologen im Blick auf die derzeitige Situation in der Ukraine wieder den viel missbrauchten Begriff in die Diskussion werfen, bin ich fest davon überzeugt: im Sinne der Botschaft und der Lebenspraxis Jesu gibt es keinen „gerechten“ Krieg.

Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!“ Das haben 150 Kirchen aus der ganzen Welt 1948 in Amsterdam bei der Gründung des Weltrats der Kirchen einmütig betont. Daher sind für mich das Verhalten und die Aussagen des russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill zur Unterstützung von Putins Krieg pure Gotteslästerung. Wenn die Luxusyachten der Oligarchen festgesetzt werden, muss auch Kyrill scharfe Sanktionen erleben.

Die früheste Erinnerung, die ich an meine Schulzeit habe, ist die Bewunderung, die ich als Erstklässler für die „Großen“ hatte, dass sie so lange den Arm zum Hitlergruß hochhalten können, bis „Deutschland, Deutschland über alles …“ und auch noch „SA marschiert …“ gesungen war. Damals hatte Deutschland längst schon Polen überfallen und weit nach Osten, und in alle Welt Tod, Schrecken und Zerstörung gebracht. Protest dagegen war lebensgefährlich, wie heute in Russland.

Drei Jahre nach dem 9.Mai 1945 kam dann ja die zaghafte Botschaft, dass Krieg nach Gottes Willen nicht sein soll! Zaghaft, weil es nicht radikal an die Wurzeln ging: das Militär und seine Tendenz, irgendwann doch zum Einsatz zu kommen, wurden von offiziellen kirchlichen Stellungnahmen nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Das Profitstreben des militärisch-industriellen Komplexes  nicht angeprangert.

So wurde Deutschland drittgrößter Waffenexporteur. Kindersoldaten im Kongo morden mit Kleinwaffen aus Oberndorf am Neckar. Und dass Deutschland am Hindukusch verteidigt werden sollte, baden jetzt die afghanischen Frauen aus, die unter der Burka versteckt nicht wissen, wie sie ihre Kinder vor dem Hungertod bewahren können.

Gemäß unserem Grundgesetz darf die Bundeswehr nur zur Landesverteidigung eingesetzt werden. Ich war tatsächlich überrascht, wie viele Panzer und andere schwere Waffen jetzt auftauchten, die jahrelang unbeachtet in den Depots warteten, – zur Landesverteidigung?  Und wo sollen die Atombomben abgeworfen werden, die die neu bestellten Flugzeuge tragen sollen?

Ihr seht, man muss kein Theologe sein, um zu erkennen, dass der bisherige Rüstungswahnsinn nicht mit der Botschaft Jesu vereinbar ist.

Der Zweite Weltkrieg, den ich als Kind erlebt habe, hatte einen langen Vorlauf, geprägt unter anderem vom Versagen der Mehrheit der Christen und Kirchen.

Auch Putins Krieg gegen die Ukraine brach nicht plötzlich aus.

Ich hoffe, wir haben noch die Möglichkeit in den nächsten Jahren, den Weg zu diesem Krieg, und die Rolle der Christen und Kirchen dabei, zu analysieren.

Und ich fürchte, die geplanten zusätzlichen 100 Milliarden für die Bundeswehr werden die Vorkasse für einen weiteren Krieg sein, wenn wir es nicht schaffen, diesen Beschluss revidieren zu lassen, damit die Mittel für Projekte für Gerechtigkeit, Frieden und Klimaschutz freiwerden.

Vor wenigen Tagen hatte ich ein langes Gespräch mit einer Ukrainerin. Sie ist mit ihrem kleinen Sohn und ihrer Mutter auf abenteuerliche Weise nach Schorndorf geflohen. Ihr Mann, die Schwiegereltern und viele Nachbarn und Freunde sind noch im Osten, nahe der russischen Grenze. Unter Tränen erzählte sie mir von den Zerstörungen, den Morden und Vergewaltigungen, aber auch von den mutigen Versuchen, Panzer mit Molotowcocktails aufzuhalten.  Verzweifelt sagte sie leise, „wir brauchen mehr und bessere Waffen, um Schlimmeres zu verhindern“. Soll ich ihr sagen: wir haben solche Panzer, Kanonen und Haubitzen zu Hauf. Wir brauchen sie nicht, – aber ihr kriegt sie nicht!

„Ohne Rüstung leben“ ist mein Bekenntnis, aber ich kann es anderen nicht aufzwingen.

Ich habe den offenen Brief von Alice Schwarzer und anderen unterschrieben, und Olaf Scholz wegen seiner Zurückhaltung gelobt. Doch ich gestehe, dass ich jetzt in dieser speziellen und eindeutigen Situation die Waffenlieferungen nicht mehr pauschal ablehnen kann.

Ich kann sie jedoch nur akzeptieren, wenn wirklich alles, auf allen Ebenen getan wird, um eine sofortige Waffenruhezu erreichen, – dann einen Waffenstillstand und endlich Verhandlungen für eine europäische und weltweite Friedens-Architektur.

Das sind langwierige Prozesse. Ich weiß daher nicht, ob ich den nächsten Schüleraustausch des Burg-Gymnasiums mit der Partnerschule in Dmitrow, 64 km von Moskau entfernt, noch erlebe?

In der ersten Septemberwoche trifft sich wieder die Vollversammlung des Weltrats der Kirchen. Zum ersten Mal in Deutschland, ganz in unserer Nähe, in Karlsruhe.

Ich hoffe sehr auf klare Worte und Beschlüsse.

Ja, die Hoffnung bleibt, sagt Paulus. Es bleiben Hoffnung, Glaube und Liebe.

Hoffnung, schrieb einer, ist die Fähigkeit, die Melodie der Zukunft zu hören.

Glaube ist der Mut, in der Gegenwart nach dieser Melodie zu tanzen.

Und die Grenzen überschreitende Liebe führt die Regie.

Die Eingeschlossenen in Mariupol sagen, das Schlimmste ist das Vergessen-Werden. Daher sind Mahnwachen so wichtig, und Gebete, die lauten und die leisen.

Doris:

Wir werden jetzt  wieder 5 Minuten schweigen. Wir denken an die Opfer des Krieges in der Ukraine und an die Opfer der Kriege in anderen Ländern. An die Menschen, die im Krieg  verletzt wurden an Leib und Seele. An alle, die ihr Leben verloren haben, seien es Soldaten oder Zivilisten. An alle, die ihre Heimat verlassen mussten. An die geschundene Natur, an die zerstörte Kultur. An alle, die sich gegen den Krieg einsetzen. Mögen die Politiker auf beiden Seiten endlich zur politischen Vernunft zurückkehren und eine weitere Eskalation verhindern.

Doris:

Ich lese ein Zitat von Alexander Kluge, Schriftsteller und Regisseur:

Niemand beherrscht einen Krieg.
Es gibt nicht einen einzigen Wert in der Welt,
sei er materiell oder ideell,
der Krieg rechtfertigt.
Sieger ist nicht, wer die Schlachten gewinnt.
Sieger ist, wer einen Frieden herstellt.

Doris:

Ich möchte noch folgendes ansagen, bevor wir unsere Mahnwache beenden:

  • In der Mitte liegt nochmals Briefe, die mitgenommen werden können.
  • Bitte nutzen Sie die Möglichkeit, per E-Mail  unsere Bundestagsabgeordneten anzuschreiben. Unter friedenskooperative.de kann man sie auffordern, dem 100 Milliarden Programm zur Aufrüstung und der Anschaffung von neuen Kampfbombern für den Einsatz von Atomwaffen nicht zuzustimmen.
  • Unsere nächste Mahnwache ist heute in einer Woche, am Freitag, 20.05.22

Jetzt ist noch Zeit zum Austausch untereinander.

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