Mahnwache vom 13.10.2023

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Bild von hosny salah auf Pixabay

Es folgen die Beiträge dieser Mahnwache im Wortlaut zuzüglich dem gesamten Text eines Beitrages von Sahar M. Vardi auf den NachDenkSeiten.

Uwe:

Guten Abend. Ich begrüße Sie im Namen der Friedensinitiative Schorndorf zu unserer heutigen Mahnwache gegen den Krieg.

Zu den vielen kriegerischen Auseinandersetzungen, die während der letzten Monate und Jahre weltweit stattfinden, und die wir mit unseren Mahnwachen ins Bewusstsein rufen möchten, ist seit dem vergangenen Wochenende eine weitere brandgefährliche gekommen: der Überfall der Palästinenserorganisation Hamas auf israelische Städte und Ortschaften.

Ich lese hierzu Teile einer Rede vor, welche Tom Adler am vergangenen Montag bei der Demonstration gegen S21 in Stuttgart gehalten hat.

Ich zitiere: „Furchtbare Bilder von entsetzlicher, verrohter Gewalt gegen ZivilistenInnen in Israel haben über das Wochenende die Medien geflutet, und sie haben mich entsetzt. (….).

Auch wer genau hinschaut und deshalb weiß, dass die Politik der israelischen Regierung den Gaza zu einem einzigen großen Gefängnis gemacht hat, ein Gefängnis der Armut, in der Generation nach Generation aufwächst in Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit, auch wer das nicht verdrängt angesichts der Bilder, kann diesen Raketenbeschuss und die Morde an friedlichen Zivilisten nicht zu einem berechtigten Widerstandskampf umdeuten.

Leider ist der Krieg in Israel kein solitäres Ereignis, das gebieten würde, dass alle anderen, ebenfalls berechtigten Protestaktionen (…) jetzt zu schweigen hätten, wenn Demonstranten auf dem (Stuttgarter) Marktplatz sagen: We stand with Israel!

Denn die verrohte und verrohende Gewalt des Krieges findet jeden Tag statt, in ähnlich grausiger Dimension wie jetzt in Israel. Von den Bombardierungen der Kurden in Rojava durch die türkische Armee, bis zum Krieg mit deutschen Waffen im Jemen. In unseren Medien werden daraus nur Fußnoten, keine Emotionen erzeugenden Bilder.

Mein Mitgefühl ist bei den Familien und FreundenInnen, bei den inzwischen über 1000 Toten beider Seiten, bei den Verletzten, Verstümmelten, Traumatisierten.

Denn ein weiteres Mal wird dort der Welt demonstriert, wie Hass und Gewalt nur noch mehr Hass und Gewalt erzeugen.

Mein Mitgefühl, meine Solidarität ist auch bei der israelischen Friedens-und-Oppositionsbewegung, die von der Hamas in Grund und Boden gebombt worden ist, die den rechtsradikalen Kriegsherren der israelischen Regierung neuen Rückenwind verschaffen.“

Soweit die Rede von Tom Adler

Dieses von Tom Adler ausgesprochene Mitgefühl teilen wir als Friedensinitiative Schorndorf uneingeschränkt!

Angesichts der brutalen Gewalt, mit der die Kämpfer der Hamas gegen israelische und ausländische Zivilisten bei ihrem Überfall vorgingen, frage ich mich, was diesen menschenverachtenden Hass ausgelöst haben könnte.

Der israelische Journalist Gideon Levy schreibt dazu in der israelischen Zeitung Haaratz, dass das arrogante und z.T. menschenverachtende Verhalten der rechtslastigen Netanjahu-Regierung den Palästinensern gegenüber, eine Ursache für diesen Hass wäre. Er schreibt, dass die von der israelischen Regierung geförderten und unterstützten und gegen jedes Völkerrecht verstoßenden, illegal auf palästinensischem Boden errichteten Siedlungen, von denen aus häufig Übergriffe auf die palästinensische Bevölkerung verübt werden, ein weiterer Grund für diesen bodenlosen Hass wären. Dass bei diesem Hass aber die friedliche Zivilbevölkerung bedroht und malträtiert wird, ist in keiner Weise zu rechtfertigen. Die Verantwortlichen dafür sitzen unbehelligt in ihren sicheren Unterkünften und schüren den Hass weiter, indem sie, die Hamasführer, die Raketenangriffe auf Israel fortsetzen. Ebenso wie die vom israelischen Notkabinett angeordnete mörderische Bombardierung sowie die totale Abriegelung des Gaza, von der in erster Linie die Zivilbevölkerungen beider Seiten betroffen ist.

Aber in den Medien wird unisono in erster Linie das Leid der israelischen Bevölkerung thematisiert und beklagt. Und auch die Politikerinnen und Politiker der Ampelregierung beschwören lautstark die „uneingeschränkte Solidarität“ mit Israel.

Dass die totale Abriegelung des Gaza durch das israelische Militär für die Menschen im Gaza laut UN eine humanitäre Katastrophe verursachen wird, findet kaum Beachtung, weder in den Medien noch in der offiziellen Politik. Gestern war zudem in den digitalen Medien zu lesen, dass die Bundesregierung diese Abriegelung rechtfertigt.

Die Führer der Hamas, die diesen brutalen Angriff auf Israel ausgeheckt und befohlen haben, handeln nach meiner Ansicht nicht nur bei dem Angriff auf Israel menschenverachtend, sondern auch gegenüber den Menschen im Gaza, für die sie angeblich handeln. Offensichtlich spielt bei ihnen keine Rolle, dass das israelische Militär mit sehr harten Gegenmaßnahmen antworten wird, die die Menschen im Gaza erleiden müssen. Heute Morgen war in den Nachrichten zu hören, dass bei den Bombardierungen des israelischen Militärs mehr als 700 Menschen, darunter ca.400 Kinder ermordet wurden.

Ich bin sehr gespannt auf den am kommenden Donnerstag, 16.Okt. in der Manufaktur stattfindenden Vortrag von Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, in dem sicher die gegenwärtige Situation in Israel und Gaza zur Sprache kommen wird.

Detlef:

Es folgt ein Artikel der NachDenkSeiten vom 10.10.2023 mit dem Titel „Stimmen aus Israel: Der doppelte Schmerz“ im Wortlaut.

Sahar M. Vardi, geboren in Jerusalem, engagiert sich seit vielen Jahren gegen die israelische Besatzungspolitik und für israelisch-palästinensische Verständigung. In ihrer aktuellen Veröffentlichung gibt sie ihrem Schmerz Ausdruck, anlässlich der, wie sie es formuliert, „doppelten Loyalität“, die sie empfindet für die Opfer auf beiden Seiten. Die verzweifelten israelischen Freunde, die nicht wissen, ob deren Familienmitglieder tot oder entführt sind – aber genauso mit dem Freund im Gazastreifen, der gerade jeden Tag bangt, ob seine Kinder am nächsten Tag noch am Leben sein werden. Die NachDenkSeiten-Redaktion hat sich entschieden, den Text aus dem Hebräischen ins Deutsche zu übersetzen, weil dieser mit der in ihm zum Ausdruck kommenden gleichwertigen Empathie für die Opfer beider Seiten einen Kontrapunkt setzt zur zunehmenden Polarisierung und ausschließlichen Parteinahme für die eine oder andere Seite.

Uns, den Linken (in Israel), wird oft eine doppelte Loyalität vorgeworfen. Und an Tagen wie diesen spüre ich das. Weder „Loyalität“ noch „doppelt“ vermitteln die richtige Bedeutung. Aber das Gefühl ist richtig. Lassen Sie mich das erklären.

Auf dem Mahane Yehuda Markt (dem zentralen Markt in Jerusalem) sang heute Morgen ein Straßenmusiker „Am Yisrael Chai“ in einer Molltonleiter. Der Markt selbst war leer, und eine Frau unterhielt sich mit ihrer Freundin über ihren regelmäßigen Gemüsehändler, der heute nicht kommen und seinen Stand öffnen darf. Alle Stände auf dem Markt, die Arabern gehören, sind geschlossen. In Rehavia (einem Viertel in Jerusalem) steigen Familien aus zwei Autos aus. Die meisten von ihnen weinen bereits, die anderen strahlen eine schwer zu erklärende Traurigkeit aus, als sie zögernd an die Tür eines der Häuser in der Nähe klopfen. Die Familie von jemandem, der gerade getötet wurde? Einer Geisel? Im Internet sehe ich ein Video von einer Reinigungskraft, die im Stadtzentrum verprügelt wurde, weil sie Araberin ist, und ich versuche, meinen Blick nicht abzuwenden.

„Doppelte Loyalität“ bedeutet, dies und jenes mit Tränen in den Augen zu sehen.

Jetzt ist der Moment, um mit Freunden zu sprechen, die nicht wissen, ob ihre Familienmitglieder tot oder entführt sind und die nicht einmal ansatzweise verstehen können, warum das alles passiert ist. Zu hoffen, die Hilflosigkeit zu sehen, die Angst, den tiefen Schmerz. Als ich kurz darauf mit einem Freund aus Gaza spreche, kann er nur sagen, dass jetzt jede Nacht die schrecklichste seines Lebens ist. Er kalkuliert seine Chancen und die Chancen seiner Kinder, morgen früh wieder aufzustehen. „Doppelte Loyalität“ bedeutet, sich das Herz sowohl von dem einen als auch von dem anderen brechen zu lassen.

Es bedeutet, diesen Moment festzuhalten, gefangen zwischen dem Herzschmerz, dem Schmerz und dem Schock der Auslöschung von Nir Oz, wenn man an all die Menschen dort denkt, und dem Schrecken, den die Auslöschung von Shajaya verursacht, wenn man an all die Menschen dort denkt.

Es ist der Drang, Blut zu spenden und Lebensmittelkörbe für die (Städte im) Süden (Israels) zusammenzustellen und gleichzeitig in Susia (einer Stadt im Westjordanland südlich von Hebron) zu sein, um jeden Hirten, der es wagt, die Grenzen des Dorfes zu verlassen, vor den Schüssen der Siedler zu schützen.

Loyalität ist vielleicht nicht das richtige Wort. Es ist doppelter Schmerz, doppelter Herzschmerz, Sorge, Liebe. Es bedeutet, an der Menschlichkeit eines jeden festzuhalten. Und das ist schwer. Es ist so schwer, hier Menschlichkeit zu haben. Es ist anstrengend, und es fühlt sich an, als ob die Welt dich immer wieder auffordert, loszulassen. Es ist so viel einfacher, „eine Seite zu wählen“ – es ist fast egal, welche Seite. Entscheiden Sie sich einfach für eine Seite und bleiben Sie dabei, um zumindest den Schmerz zu verringern, den Sie empfinden. Um sich wenigstens als Teil einer Gruppe zu fühlen und nicht so allein mit all dem.

Als ob das wirklich eine Option wäre. Als ob wir nicht schon wüssten, dass unser Schmerz miteinander verwoben ist; dass es keine Lösung nur für den Schmerz von Ofakim (israelische Kleinstadt in der Negev-Region) gibt, ohne eine Lösung für den Schmerz von Khan Yunis (ein Flüchtlingslager im südlichen Teil des Gazastreifens). Wir wissen es, wir rezitieren es, und wir fühlen immer wieder den Schmerz darüber.

Ich sitze hier und versuche zu verstehen, was ich schreibe, und vor allem, warum. Worum geht es, außer darum, ein wenig von diesem Gefühl loszuwerden, zwei Welten zu haben, die von außen so widersprüchlich erscheinen, sich aber im Inneren genau gleich anfühlen. Ich glaube, ich komme einer Antwort auf die Frage, warum ich dies schreibe, am nächsten, weil es sich auf eine Herz und Seele zerreißende Art und Weise auch wie der einzige Weg für Optimismus anfühlt. Optimismus, der auf der Tatsache beruht, dass es sie gibt (diese singuläre Verdoppelung). Und dass sie möglich ist. Und dieser Schmerz, den einige von uns in unserer kleinen Gemeinschaft empfinden, diese „doppelte Loyalität“, ist offenbar die Hoffnung dieses Ortes.

Ja, es ist schon lange her, heute kaum vorstellbar. Da gingen Israelis und Palästinenser gemeinsam auf die Straße, um eine friedliche Lösung des Konfliktes zu fordern. Eine Zeitlang gab es auch Friedensverhandlungen. Diese wurden immer wieder ohne konkrete Ergebnisse abgebrochen, meist weil Radikale der ein oder anderen Seite neue Attentate verübten oder Israelis neue Siedlungen in von Israel zu Unrecht besetzten Gebieten errichteten. Nachdem Ex-Präsident Trump Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt hatte, kam es auch nicht mehr zu weiteren Friedensverhandlungen.

Auf beiden Seiten haben sich seitdem die radikalen Kräfte mehr und mehr durchgesetzt. Auf palästinensischer Seite die Hamas. Auf israelischer Seite sitzen radikale Kräfte in der Regierung: So sagte der israelische Verteidigungsminister Gallant, es werde keinen Strom, keine Lebensmittel und keinen Treibstoff geben. Im Gazastreifen leben etwa zwei Millionen Menschen. „Wir kämpfen gegen menschliche Tiere, und wir handeln entsprechend“, sagte Gallant nach einer Lagebeurteilung mit der Armee.

In diesen Zeiten ist es positiv, wenn sich wenigstens einige Stimmen der Vernunft zu Wort melden. So kann man bei euronews nachlesen:

Generalsekretär der Vereinten Nationen entsetzt über Blockade

UN-Generalsekretär Antonio Guterres hat einen humanitären Korridor für den Gazastreifen gefordert, und zeigte sich bestürzt über Israels Pläne zur vollständigen Abriegelung der 40 Kilometer langen und sechs bis zwölf Kilometer breiten Region:

„Es ist an der Zeit, diesen Teufelskreis aus Blutvergießen, Hass und Polarisierung zu beenden. Israel muss sein legitimes Sicherheitsbedürfnis verwirklicht sehen und die Palästinenser müssen eine klare Perspektive für die Errichtung eines eigenen Staates erkennen.“

Doris:

Wir werden jetzt wieder 5 Minuten schweigen. Wir trauern um die getöteten Menschen in Israel und im Gazastreifen. Wir trauern um die Opfer des Ukrainekriegs, seien es Zivilisten, oder Soldaten auf beiden Seiten. Wir trauern um die Opfer all der anderen gleichzeitig stattfindenden Kriege, die oft vergessen werden. Wir trauern um die Opfer des schrecklichen Erdbebens in Afghanistan. Und wir trauern um die verloren gegangene politische Vernunft und unsere Hoffnung auf Frieden. Mögen sie nicht endgültig zerstört sein.

Doris:

Ich möchte jetzt das kurze Gedicht von Bertold Brecht lesen über die Bitten der Kinder. Vielleicht halten es manche für naiv angesichts all der Schrecken. Aber ich finde die Sicht der Kinder die allerwichtigste.

Bitten der Kinder

Die Häuser sollen nicht brennen
Bomber soll man nicht kennen
Die Nacht soll für den Schlaf sein
Leben soll keine Straf´sein
Die Mütter sollen nicht weinen
Keiner soll töten Einen
Alle sollen was bauen
Da kann man allen trauen
Die Jungen sollen´s erreichen
Die Alten desgleichen.

Doris:

Bevor wir unsere heutige Mahnwache beenden, möchte ich noch folgendes ansagen:

  • morgen, am Samstag den 14.10., findet um 14.00 Uhr am Stuttgarter Schlossplatz eine Kundgebung statt mit dem Thema: „Gemeinsam gegen Rechts. Für eine bessere Demokratie“. Ab 16 Uhr ist ein Offenes Treffen im Württembergischen Kunstverein. Wer aus Schorndorf teilnehmen möchte, trifft sich um 13.00 Uhr am Bahnhof.
  • Die Bundeswehr wird Mitte Oktober 2023 im Rahmen des NATO-Manövers „Steadfast Noon“ erneut üben, wie man Atombomben an Tornado-Kampfjets anbringt und diese Bomben im Einsatzziel abwirft. Unter dem Motto „NATO-Atomkriegsmanöver stoppen!“ ruft ein Bündnis von Organisationen und Einzelpersonen am 14. Oktober zu einer Demo und Aktion in Nörvenich auf. Auch wenn wir nicht vor Ort sind, können wir diese Aktion mit guten Gedanken begleiten.
  • Am Donnerstag, den 26.10. um 19.30h findet in der Manufaktur Schorndorf der schon erwähnte Vortrag von Meron Mendel statt zum Thema: „Über Israel reden- eine deutsche Debatte“.
  • Unsere nächste Mahnwache gegen den Krieg ist heute in einer Woche, am 20.10.23.

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