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Doris:
Guten Abend. Ich begrüße Sie und euch zu unserer Mahnwache gegen den Krieg und für den Frieden. Vielen Dank allen, die gekommen sind. Heute wird Mona zu uns sprechen. Ich gebe das Mikrofon gleich weiter.
Mona:
Anstelle von Kriegstotenzahlen und Bombenabwürfen will ich heute ein paar Auszüge aus Briefen von Rosa Luxemburg vorlesen, die sie als Inhaftierte geschrieben hat.
Geboren wurde sie 1871 in Polen, war ein Leben lang maßgeblich politisch aktiv und deswegen mehrfach im Gefängnis. 1919 wurde sie in Berlin erschossen, 48 Jahre alt, und ihre Leiche in den Landwehrkanal geworfen. Erst nach 4 Monaten wurde sie gefunden und neben Karl Liebknecht, der ebenfalls erschossen worden war, auf dem Zentralfriedhof in Berlin bestattet.
Zunächst aus einem Brief vom Ende 1916 an eine enge Parteifreundin aus der SPD: „…schau, dass du Mensch bleibst. Mensch sein ist vor allem die Hauptsache. Und das heißt: fest und klar und heiter sein, ja, heiter trotz alledem, denn das Heulen ist Geschäft der Schwäche. Mensch sein heißt sein ganzes Leben „auf des Schicksals große Waage“ freudig hinwerfen, wenn´s sein muss, sich zugleich aber an jedem hellen Tag und jeder schönen Wolke freuen, ach, ich weiß keine Rezepte zu schreiben, wie man Mensch sein soll, ich weiß nur, wie man’s ist, und du wusstest es auch immer, wenn wir einige Stunden zusammen im Südender Feld spazieren gingen und auf dem Getreide roter Abendschein lag. Die Welt ist so schön bei allem Graus und wäre noch schöner, wenn es keine Schwächlinge und Feiglinge auf ihr gäbe. Komm, du kriegst doch noch einen Kuss, weil du doch ein ehrlicher kleiner Kerl bist. Prosit Neujahr! R.“
Und jetzt aus einem Brief an Sophie Liebknecht ein Vierteljahr später: „…Sonjuscha, so möchte ich ständig um Sie sein, Sie zerstreuen, mit Ihnen plaudern oder schweigen, damit Sie nicht in Ihr düsteres, verzweifeltes Brüten verfallen. Sie fragen in Ihrer Karte:“ Warum ist das alles so?“ Sie Kind, „so“ ist eben das Leben seit jeher, alles gehört dazu: Leid und Trennung und Sehnsucht. Man muss es immer mit allem nehmen und alles schön und gut finden. Ich tue es wenigstens so. Nicht durch ausgeklügelte Weisheit, sondern einfach so aus meiner Natur. Ich fühle instinktiv, dass das die einzige richtige Art ist, das Leben zu nehmen, und fühle mich deshalb wirklich glücklich in jeder Lage. Ich möchte auch nichts aus meinem Leben missen und nichts anderes haben, als es war und ist. Wenn ich Sie doch zu dieser Lebensauffassung bringen könnte!…“
Mitte 1917, also weitere 6 Monate später, schreibt sie an einen der engsten Freunde:“…Es blieb mir in der 11 cbm großen Zelle nichts übrig, als mich auf die Pritsche hinzustrecken, eingeklemmt zwischen unbeschreiblichen Möbelstücken, und in der Höllenmusik der fortwährend vorbei donnernden Stadtbahnzüge, von denen die Zelle erbebte und auf den klirrenden Fensterscheiben rote Lichtreflexe aufblitzten, meinen Mörike halblaut zu deklamieren…..bald darauf wurde hörbar der Gesang eines etwa achtjährigen Mädchens, das offenbar im Springen und Hüpfen ein Kinderliedchen vortrug und zugleich ein silbernes, glockenreines Lachen erschallen ließ….In diesem hüpfenden Rhythmus des Kinderlieds, in dem perlenden Lachen lag so viel sorglose, siegreiche Lebenslust, dass der ganze finstere schimmlige Bau des Polizeipräsidiums wie von einem silbernen Nebelmantel eingehüllt wurde und in meiner übelriechenden Zelle es so plötzlich in der Luft wie von fallenden dunkelroten Rosen duftete… so liest man sich überall von der Straße ein bisschen Glück auf und wird immer daran gemahnt, dass das Leben schön und reich ist.“
Und noch eine Stelle aus einem Brief Ende 1917: “Ich weiß ganz genau , dass die Abrechnung nach „Gerechtigkeit“ niemals stattfindet und dass man schon so alles hinnehmen muss… Man muss alles im gesellschaftlichen wie im Privatleben nehmen: ruhig, großzügig und mit einem milden Lächeln. Ich glaube fest daran, dass sich schließlich alles nach dem Kriege oder zum Schluss des Krieges wendet, aber wir müssen offenbar erst durch eine Periode der schlimmsten, unmenschlichsten Leiden waten….“
Ich wünsche uns allen ein wenig von dieser radikal positiven Lebenshaltung, auch oder gerade weil sie durchaus Stoff zur Auseinandersetzung bietet, z.B. in ihrem Verhältnis zum Credo des positiven Denkens in der modernen Esoterik-Szene. War Rosa Luxemburg etwa eine Vorläuferin?
Doris:
Wir werden jetzt wieder einige Minuten schweigen. Wir trauern heute besonders um die Opfer der völkerrechtswidrigen Angriffe auf den Iran. Wir trauern um die Opfer der iranischen Vergeltungsangriffe in verschiedenen Ländern. Und um die Opfer all der vielen anderen Kriege. Wir trauern um die politische Vernunft, um die Diplomatie, um die Hoffnung. Möge die Resignation nicht das letzte Wort behalten.
Doris:
Ich lese einige Sätze aus dem Buch „Miserere nobis – eine politische Messe“ des Theologen Heinrich Albertz, 1987:
Liebe Freundinnen und Freunde, wenn jeder wartet, bis ein anderer anfängt, ändert sich nichts. Widerstand ist das einfache Recht jedes Bürgers, sich einzumischen. Wir sollten uns einmischen, wir sollten uns zu Wort melden. Warum mischen sich so viele Menschen nicht ein? Weil sie es nicht gelernt haben, nicht geübt, nicht versucht, weil es ihnen verboten war. Weil sie es nicht gelernt haben, nicht zuhause, nicht in der Schule, nicht in der Kirche, nicht in der Arbeit. Wir wollen es darum lernen. Schuld ist nicht erblich, aber Widerstand und Mut sind es auch nicht. Jede Zeit, jede Generation, jeder von uns muss selber anfangen.
Doris:
- Ich möchte noch folgendes ansagen, bevor wir unsere Mahnwache beenden. Wer sich am morgigen Samstag an unserer Friedensbanner-Aktion beteiligen kann, möge sich bitte nachher bei mir melden.
- Andreas Zumach wird in nächster Zeit 3 Vorträge in der Nähe halten. Der erste findet gleich heute statt, und zwar um 19.30 Uhr im Jakob-Andreä-Haus Waiblingen mit dem Thema: «Weltmacht China – Bedrohung oder Chance?»
- Am April um 19 Uhr spricht er im Haus der Katholischen Kirche in Stuttgart zum Thema „80 Jahre UN – Auslaufmodell oder Schlüssel zu Frieden und Menschenrechten?“ Und am Freitag, 10. April um 19 Uhr in der Glockenkelter in Stetten zum Thema: «Der Nahe Osten brennt“
- Dieses Jahr ist es so wichtig wie schon lange nicht mehr, an Ostern gemeinsam für ein Ende der Kriege, für Abrüstung und Friedensförderung auf die Straße zu gehen! Beim Netzwerk Friedenskooperative sind Stand heute bundesweit schon 113 Veranstaltungen gelistet. Am Donnerstag, 26. März, erschien in den Wochenzeitungen «Die Zeit» und «der Freitag» der Aufruf des Netzwerk Friedenskooperative zum Ostermarsch 2026. Unter dem Slogan «Kriege verweigern – Frieden schaffen!» wird mit den Anzeigen für die Teilnahme an den Ostermärschen mobilisiert, welche vom 2. bis 6. April stattfinden. Die Unterstützung für die Anzeige war in diesem Jahr so groß wie noch nie zuvor: 2.235 Einzelpersonen sowie 71 Organisationen und Gruppen ermöglichten die Anzeigen mit ihren Spenden. Am Samstag, den 28. März, erscheint der Aufruf darüber hinaus in der «taz»,im «neues Deutschland» sowie in der «jungen Welt».
- In Stuttgart beginnt der Ostermarsch am Karsamstag, den 4. April um 12.00 Uhr auf dem Schlossplatz in Stuttgart. Schon um 10.45 Uhr wird es eine Auftaktveranstaltung am EUCOM geben mit anschließender Fahrraddemo zum Schlossplatz. Es sprechen u.a. Jürgen Wagner von der Informationsstelle Militarisierung in Tübingen und Michael von der Schulenburg, ehemaliger Diplomat der OSZE und der UN. Weitere Infos zum Ablauf hier.
Wer gemeinsam nach Stuttgart fahren möchte, trifft sich um 11.00 Uhr am Bahnhof Schorndorf für die Fahrt mit dem MEX um 11.14 Uhr. Die Flyer und Plakate zum Ostermarsch liegen in der Mitte aus. Bitte nehmen Sie auch gerne welche zum Weitergeben mit.
- Heute in einer Woche ist Karfreitag. Unsere nächste Mahnwache findet also erst heute in zwei Wochen statt, am Freitag den 10.04. um 18.00 Uhr wieder hier auf dem Marktplatz.
