Mahnwache vom 26.06.2026

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Doris:
Guten Abend. Ich begrüße Sie und euch zu unserer Mahnwache gegen den Krieg und für den Frieden. Vielen Dank allen, die trotz der Hitze gekommen sind. Heute wird Ingrid Bolay vom Weltladen El Mundo zu uns sprechen. Ich gebe das Mikrofon gleich weiter.

Ingrid:
„Forscher warnen vor Wettrüsten der Atommächte“, so war es in den Schorndorfer Nachrichten am 9. Juni zu lesen. „Kriege, Konflikte und geopolitische Spannungen auf der Welt drohen die 9 Atommächte in eine Spirale der Aufrüstung zu treiben.“ – so das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI. Wir stecken bereits mitten in einem neuen nuklearen Wettrüsten. Jeder Nuklearstaat baut sein Atomwaffenarsenal entweder quantitativ oder qualitativ aus, manchmal beides. Alarmierend ist zudem, dass der Rüstungskontrollvertrag New Start zwischen Russland und den USA im Februar ausgelaufen ist, ohne dass ein Nachfolgeabkommen zustande kam.

Nun hat Donald Trump vor kurzem geäußert, die USA würden ihre Atomtests jetzt neu aufnehmen, jetzt sofort, um mit den anderen Staaten gleichzuziehen. Solche Äußerungen lösen in den pazifischen Inselstaaten große Besorgnis aus. Ich bin Mitglied im Pazifik-Netzwerk, das 1985 nach einer Veranstaltung in der Ev. Akademie Bad-Boll über die Folgen von Atomtests im Pazifik gegründet wurde. Das Pazifik Netzwerk  hat sich zur Aufgabe gemacht, den Inseln in Ozeanien, die bis heute unter den Folgen der über 300 ober- und unterirdischen Atomtests von Frankreich, USA, Großbritannien und Australien zu leiden haben, eine Stimme zu geben. Und ich will sie heute in den Mittelpunkt stellen.

Für Pazifische Staaten sind Atombombenversuche bis heute ein Trauma. Es gab weltweit ca. 2000 Atomwaffentests mit weitreichenden Folgen für Gesundheit und Natur. Besonders gefährdet sind die Menschen, die in den Testgebieten lebten und noch leben. Es wurde billigend in Kauf genommen, in bewohnten Regionen zu testen, um die Folgen der Tests bei Menschen zu erkunden. Sie leiden bis heute unter den Folgen von Strahlen und Vertreibung aus ihrer angestammten Heimat: Missbildungen Krebserkrankungen, Ungenießbarkeit der landwirtschaftlichen Produkte, hinterlassener Atommüll. Die Kulturen indigener Gemeinschaften sind teilweise zerfallen, die sozialen, psychischen und wirtschaftlichen Folgen waren und sind bis heute desaströs. Auf manchen Inseln müssen bis heute alle Nahrungsmittel importiert werden. Damals wurden Inseln und Atolle zerstört, viele sind bis heute radioaktiv verseucht. Es gibt Tausende an Blutkrebs Erkrankte, Verstorbene, eine Entschuldigung oder Entschädigung gab es nicht.

Die USA testen seit vielen Jahren weiterhin routinemäßig ihre ballistischen Raketen und Abfangraketen in Ozeanien. Schauplatz ist das Kwajalein Atoll mitten im Pazifischen Ozean. Es gehört zu den Marshallinseln und ist seit Ronald Reagan ein wichtiges US-amerikanisches Testgelände. Dort wird die Einschlaggenauigkeit von Raketen getestet. Die indigene Bevölkerung lebt auf den Nachbarinseln in Ghettos.

Eckart Garbe, Vorstand des Pazifik Netzwerks e.V., schreibt im Rundbrief 140: „Es ist erstaunlich, dass von einigen Politikern bei uns mit dem Hinweis auf die erhoffte Abschreckung durch den US-Nuklearschirm für Deutschland und Westeuropa das unberechenbare Handeln des US-Präsidenten mitsamt der angedrohten neuen Atomtests kritiklos hingenommen wird. Das Comeback des Denkens in Begriffen wie Abschreckung und Vergeltung sowie die offensichtlich bei allen mächtigen Regierungen fehlende Abrüstungsbereitschaft sind erschreckend. 2021 gab es mit dem Inkrafttreten des Atomwaffenverbotsvertrags, den inzwischen fast 100 Staaten unterzeichnet haben, einen vielversprechenden Schritt in die richtige Richtung. Auch 11 Pazifische Inselstaaten sind diesem Vertrag beigetreten. Doch jetzt wird diese alternative Vision für globale Sicherheit an den Rand gedrängt, obwohl die meisten UN-Mitgliedsstaaten sie unterstützten. Manche scheinen zu glauben, Zukunft lasse sich mit Keulen und Raketen gestalten. Sie täuschen sich“ –  so Eckhart Garbe.

„Der Atomwaffenverbotsvertrag: zeigt er eine Wirkung?“ fragt Simon Bödecker im Pazifik-Rundbrief 1/26. „Er ist der erste weltweit anwendbare Vertrag, der Atomwaffen kategorisch verbietet. Er lenkt den Blick auf die humanitären Folgen und setzt einen Rahmen für vollständige und überprüfbare Abrüstung. Damit hat er eine Lücke in der bisherigen Rechtslage geschlossen und eine starke Norm geschaffen, auf die sich Regierungen und Zivilgesellschaft berufen können. So wurde erreicht, dass Überlebende von Atomtests erstmals ein Forum haben, um ihre Berichte in die Öffentlichkeit zu tragen. Er sieht zudem konkrete Unterstützungsmaßnahmen für Betroffene vor. Dabei erkennt der Vertrag die gravierenden Auswirkungen von Atomwaffen insbesondere auf indigene Völker an. So hat er erreicht, dass Fragen der nuklearen Gerechtigkeit ins Zentrum der Debatte rücken.

Im Pazifik hat das Engagement gegen Atomwaffen eine lange Tradition. Es gibt dort auch eine südpazifische nuklearwaffenfreie Zone, die Gebiete von 18 Ländern und weitere Territorien umfasst. Eine riesige Ozeanfläche. Dies hängt direkt mit den bis heute spürbaren katastrophalen Folgen der etwa 315 Atomwaffen zusammen, die die ehemaligen Kolonialmächte USA, Frankreich und Großbritannien dort auf, über und unter Inseln explodieren ließen.

Das Besondere des AVV ist, dass er die nukleare Vergangenheit einschließt. Es geht um medizinische Versorgung, Rehabilitation, und psychologische Unterstützung für Personen, die vom Einsatz von Atomwaffen im Kriegs- und Testfall betroffen sind. Die Bundesrepublik Deutschland war der Aushandlung des AVV ferngeblieben, und der AVV ist der erste moderne multilaterale Abrüstungsvertrag, den Deutschland bis heute ablehnt. Die Atommächte und weitere mit ihnen verbündete Staaten lehnen den AVV bis heute ab. Dennoch markiert sein Inkrafttreten einen historischen Meilenstein für eine globale Bewegung, die in einer atomwaffenfreien Welt leben möchte. Der AVV bietet eine völkerrechtliche Grundlage, die Atomwaffen jegliche Legitimation entzieht. Seit seinem Inkrafttreten haben weltweit Banken, Pensionsfonds und andere Finanzinstitute riesige Summen aus Unternehmen abgezogen, die an der Herstellung von Atomwaffen beteiligt sind, und hunderte von Finanzinstitutionen schließen solche Investitionen inzwischen kategorisch aus. Gerade weil angesichts von zunehmenden globalen Rivalitäten und Konflikten viele politische Stimmen auch bei uns Atomwaffen schönreden und deren Unverzichtbarkeit beschwören, setzt sich das Pazifik-Netzwerk mit vielen weiteren Friedensorganisationen weiterhin für die weltweite Ächtung aller Atomwaffen ein“.

Nach den Atombombentests steht den Inseln in Ozeanien nun eine neue Bedrohung bevor, denn Rüstungsproduktion braucht Bodenschätze. Auf dem Meeresgrund (5000m) wachsen Manganknollen: Kobalt, Nickel, Kupfer. Seltene Erden – als größte Lagerstätte der Welt blickt die Welt auf die Cookinseln, wie werden sie entscheiden? Bisher gibt es noch keinen Tiefseebergbau am Meeresboden in der Tiefsee. Es gibt zudem keine Belege für die Machbarkeit und die Auswirkungen auf das Ökosystem. Werden die Inselbewohner*innen wieder zu Versuchskaninchen einer neuen extraktiven Industrie mit unabsehbaren Folgen? Gesunde Meere sind essentielle Grundlage pazifischer Lebensweisen, und untrennbar mit Klima, Biodiversität, Ernährungssicherheit und Spiritualität verbunden. Es bleibt zudem die Frage, wie viel Gewinn tatsächlich bei den Inselbewohner*innen ankommt, da die internationalen Bergbauunternehmen sicher einen Großteil erhalten. Das sind Erfahrungen aus anderen Bereichen.

2022 fand in Lissabon die UN-Ozean-Konferenz mit 11 000 Teilnehmenden aus aller Welt statt, mit einer starken Präsenz der Personen aus dem Pazifik. NGO´s aus aller Welt trugen die Forderung nach einem Tiefseebergbau-Moratorium durch die gesamte Woche. Es kam im Abschlussbericht zu dramatischen Beschreibungen der Krisen, aber keinen verbindlichen Handlungsvorschlägen. Wichtige Weichenstellungen wurden verschoben. Es war aber ein Erfolg, dass sich pazifische Staaten zu einer Allianz für ein Tiefsee-Moratorium zusammengeschlossen haben. Doch manche Regierungen setzen auf Tiefseebergbau in ihrer Wirtschaftszone. Auch Vanuatu im Südpazifik, Tonga, PNG, Nauru oder Kiribati denken über Tiefseebergbau nach…. Warum?

Notwendige finanzielle Aufwendungen für die Bewältigung der Klimakrise belasten die Staatshaushalte. Der IWF schätzt, dass die pazifischen Inselstaaten jährlich ca. 1 Milliarde Dollar benötigen für Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel, zu dem sie nahezu nichts beitragen. Land- und Forstwirtschaft müssen geschützt werden, sowie die Infrastruktur. Die oft hochverschuldeten Staaten können diese Summe nicht aufbringen. Die zugesagten 100 Mrd. US-Dollar an internationaler Hilfe durch Industriestaaten wurde wiederholt nicht erbracht. Aufgrund ihrer Vulnerabilität sind die Inseln im Pazifik von Politikentscheidungen der Weltgemeinschaft abhängig.

Zum Abschluss ein Zitat von Celine Deyer, Referentin für Klimawandel auf den Cookinseln. Sie sagt:
„Ozeanien: ist er ein Ozean des Friedens? Wir wollen die Schönheit und Einzigartigkeit unserer Natur für die kommende Generation bewahren, der Lebensraum ist heilig und muss geschützt werden, aber ihr macht es uns schwer…“

Doris:
Wir werden jetzt wieder einige Minuten schweigen. Wir denken an die Opfer der Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten, und an die Opfer der Kriege in anderen Ländern, die oft vergessen werden. An die Menschen, die im Krieg verletzt wurden an Leib und Seele. An alle, die ihr Leben verloren haben, seien es Soldaten oder Zivilisten. An alle, die ihre Heimat verlassen mussten und auf der Flucht sind. An die geschundene Natur, an die zerstörte Kultur. An alle, die sich gegen den Krieg einsetzen. Mögen die Politiker auf allen Seiten endlich zur Vernunft kommen und eine weitere Eskalation verhindern.

Doris:
Ich lese einen Text von Hermann Hesse:

Ich habe den Krieg 1914 – 1918 so intensiv und bis zur Vernichtung erlebt,
dass ich seither über eines vollkommen und unerschütterlich im Klaren bin:
dass ich, für meine Person,
jede Änderung der Welt durch Gewalt ablehne und nicht unterstütze,
auch nicht die sozialistische,
auch nicht die scheinbar erwünschte und gerechte.
Es werden immer die Falschen totgeschlagen,
und auch wenn es die Richtigen wären:
an die bessernde und entsühnende Kraft des Totschlagens glaube ich nun einmal nicht,
und ich lehne die Gewalt ab.

Doris:
Ich möchte noch folgendes ansagen, bevor wir unsere Mahnwache beenden:

  • Morgen, am Samstag, den 27.06. spricht um 19.30 Uhr im alten Schulhaus in Mögglingen Dr. Eugen Drewermann zum Thema: „Nur durch Frieden bewahren wir uns selber“.
  • Am Montag, den 06. Juli trifft sich um 18.00 Uhr die Ökumenische Friedensgruppe der Stadtkirchengemeinde im Martin-Luther-Haus. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.
  • Am Mittwoch, den 08.07. ist wieder der „Flaggentag der Mayors for Peace“. Mit dem Hissen der Flagge des weltweiten Bündnisses der „Mayors for Peace“ appellieren die Bürgermeister*innen für den Frieden an alle Staaten der Welt, Atomwaffen endgültig abzuschaffen. In vielen Städten in ganz Deutschland finden dazu Aktionen statt, die vielerorts von Friedensgruppen genutzt werden, um die Forderungen nach nuklearer Abrüstung und ein Ende der nuklearen Teilhabe in die Öffentlichkeit zu tragen. Auch hier in Schorndorf wird ab 8. Juli die Flagge wieder zu sehen sein. Bei unserer Mahnwache am 10. Juli werden wir auf das Thema eingehen.
  • Unsere nächste Mahnwache ist heute in einer Woche, am Freitag den 03. Juli um 18.00 Uhr wieder hier auf dem Marktplatz.

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