Bild: Ausschnitt Buchcover/privat
Heidrun:
Guten Abend. Ich begrüße Sie und euch zu unserer Mahnwache gegen den Krieg und für den Frieden. Vielen Dank allen, die heute gekommen sind.
Heidrun:
Ich möchte heute einen Beitrag aus dem Buch „Endlich Frieden“- 100 Persönlichkeiten zeigen Zivilcourage“ vorlesen.
Im Vorwort des Buches heißt es u.a.: Frieden ist kein Geschenk, das uns für immer bleibt. Er ist ein Auftrag, der uns täglich neu übergeben wird.
Ich lese einen Text von Marcus Klöckner- Journalist und Autor, der auch für die Nachdenkseiten schreibt – mit dem Titel: Das Schlimmste ist das Schweigen der Guten
„Das Schlimmste ist das Schweigen der Guten – dieses Wort Dietrich Bonhoeffers klingt lange nach. Heute ist nicht gestern und dennoch: Auch heute Schweigen die Guten bemerkenswert laut vor sich hin. Warum schweigen in Anbetracht der aktuellen Entwicklungen so viele, die doch ihren Mund aufmachen könnten? Warum begehren nicht mehr auf und verweigern es, ihre Stimme gegen das politische Großvorhaben Kriegstüchtigkeit zu erheben?
Deutsche Politiker wollen gerade die Republik mit über 1 Billion Euro kriegstauglich machen. Für den „Ernstfall“ das Land auf Kurs bringen, lautet die Devise. Ein bisher noch unter Verschluss gehaltener „Operationsplan Deutschland“ gibt die Grundrichtung vor. Landesverteidigung – sie soll gesamtstaatlich und gesamtgesellschaftlich gedacht werden. Um zu begreifen, was das heißt, benötigt es kein großes Vorstellungsvermögen. Eine aktuelle Schlagzeile lautet: ‚Operationsplan Deutschland‘: Sachsens Gemeinden sollen sich auf Krieg mit Russland vorbereiten. In dem Artikel ist zu lesen: „Seit einigen Wochen werden Deutschlands Oberbürgermeister und Landräte von Bundeswehroffizieren heimgesucht. Mit diesen ‚vertraulichen‘ Treffen will die Truppe den Ausbau der Kriegstüchtigkeit deutscher Kommunen vorantreiben.“
Wie deutlich muss den Guten noch vor Augen geführt werden, dass jetzt der Zeitpunkt ist, „Nein!“ zu sagen?
Was hier passiert, ist kein Spaß, keine Laune der Politik, die heute so und morgen ganz anders aussieht. Spätestens seit 2014 – seit den massiven tiefenpolitischen Interventionen in der Ukraine – zeichnet sich ein 3. Weltkrieg ab. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Die in Bewegung gesetzte Schwungmasse ist längst gewaltig – nicht nur in Deutschland, sondern in allen NATO-Staaten. Die Metaphysik des Militärischen: Sie breitet sich aus und verfestigt sich in den Köpfen der Politik. Die Dauer der Entwicklungen und all die vielen kleinen und großen Schritte, die zu beobachten sind, sind längst nicht mehr nur kleine Puzzleteile, die der Interpretation des Betrachters unterliegen. Das „Puzzle“ ist längst so weit zusammengesetzt, dass das Motiv klar zu sehen ist.
Das Schreckensbild des Krieges kommt zum Vorschein. Die Guten schweigen weiter. Noch scheint alles in Ordnung. Das neue Auto wurde bestellt und geliefert. Der Kühlschrank ist voll, ein Ausflug in den Baumarkt ist Programm. Schließlich: Der eigene Garten will schön gestaltet sein. Und wer möchte schon öffentlich Partei für die gute Sache ergreifen, wenn einem dafür ein rauer Wind ins Gesicht weht? Die eigene Karriere, die Familie, der Beruf: Die als mehr oder weniger gute Gründe angeführten camouflierten Ausreden für die eigene Feigheit sind endlos.
So kommt, was kommt.
Da sprechen Politiker, Journalisten und Experten davon, dass der Krieg in der Ukraine gewonnen werden müsste, ganz so, als ob jemals auf dieser Welt ein Krieg „gewonnen“ wurde. Wenn tausende, zehntausende und hunderttausende und mehr Soldaten auf dem Schlachtfeld getötet, verstümmelt und für den Rest ihres Lebens traumatisiert sind, dann können allenfalls noch Diplomzyniker von einem „Gewinnen“ sprechen.
Doch dieses unsägliche Gerede und eine teils offene Kriegstreiberei sind möglich, weil zu viele Gute ignorieren, wegsehen und die Gefahr verkennen (wollen). In der Ukraine werden gegen ihren Willen Männer, die Wehrdienst leisten müssten, auf der Straße eingefangen und teils unter Anwendung von massiver Gewalt in Autos gezerrt. Menschenfängerei – unter dem Schweigen der Guten? Noch sind derartige Szenen ja weit weg.
Was sagt das Gewissen? Können die Guten es akzeptieren, dass Menschen gegen ihren Willen dazu gezwungen werden, andere Menschen zu töten oder sich selbst töten zu lassen? Die Guten verfügen zweifelsfrei über ein Gewissen. Doch Feigheit und Angst sind stark. Beides zu überwinden, ist möglich. Dazu braucht es aber den Willen. Wie lange schweigen die Guten noch?»
Soweit der Text von Marcus Klöckner.
Da ist es erfreulich, dass die jungen Leute doch in großer Zahl dem (bisher noch freiwilligen) Wehrdienst eine Absage erteilen.
Rund fünf Monate nach Beginn der Wehrerfassung aller 18-Jährigen zieht das Verteidigungsministerium Bilanz: Knapp 300.000 Briefe wurden verschickt, davon haben sich 530 freiwillig zum Dienst an der Waffe entschieden, das sind rund 0,18 %.
Oder: 99,82 % sagen „Nein“, aus welchen Gründen auch immer. Das ist auf jeden Fall ein klares Votum!
Dass die bundesweiten „Schulstreiks gegen die Wehrpflicht“ das Thema kritisch in die Öffentlichkeit gerückt haben, ist unbestreitbar und hat sicherlich bei einigen jungen Menschen erst einmal das Bewusstsein geschärft.
Wir wünschen dieser Initiative weiterhin tatkräftige Aktionen zur Aufklärung und Widerständigkeit.
Heidrun:
Wir werden jetzt wieder einige Minuten schweigen. Wir denken an die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, an die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung. An die Menschen, die im Krieg verletzt wurden an Leib und Seele. An alle, die ihr Leben verloren haben, seien es Soldaten oder Zivilisten. An alle, die ihre Heimat verlassen mussten und auf der Flucht sind.
Wir denken an alle, die sich für den Frieden stark machen, in der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern. Und in der Hoffnung, dass ein friedensstiftendes Bewusstsein und Handeln immer mehr Menschen erreicht.
Heidrun:
Bonhoeffers Weckruf
Das Schlimmste ist das Schweigen der Guten.
»Auf der Flucht vor der öffentlichen Auseinandersetzung erreicht dieser und jener die Freistatt einer privaten Tugendhaftigkeit. Er stiehlt nicht, er mordet nicht, er bricht nicht die Ehe, er tut nach seinen Kräften Gutes. Aber in seinem freiwilligen Verzicht auf Öffentlichkeit weiß er die erlaubten Grenzen, die ihn vor dem Konflikt bewahren, genau einzuhalten. So muss er seine Augen und Ohren verschließen vor dem Unrecht um ihn herum. Nur auf Kosten eines Selbstbetrugs kann er seine private Untadeligkeit vor der Befleckung durch verantwortliches Handeln in der Welt reinerhalten. Bei allem, was er tut, wird ihn das, was er unterlässt, nicht zur Ruhe kommen lassen …«
(Dietrich Bonhoeffer)
Doris:
Ich möchte noch folgendes ansagen, bevor wir unsere Mahnwache beenden:
- Am Montag, den 06. Juli trifft sich um 18.00 Uhr die Ökumenische Friedensgruppe der Stadtkirchengemeinde im Martin-Luther-Haus. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.
- Am Mittwoch, den 08.Juli wird zum 15. Mal der „Flaggentag der Mayors for Peace“ begangen. Mit dem Hissen der Flagge des weltweiten Bündnisses der „Mayors for Peace“ appellieren laut Netzwerk Friedenskooperative vor 617 Rathäusern in Deutschland die Bürgermeister*innen für den Frieden an alle Staaten der Welt, Atomwaffen endgültig abzuschaffen. Stand heute sind in 211 Städten in ganz Deutschland Aktionen der Friedensbewegung zum Flaggentag gemeldet.
Die Stadt Stuttgart hat sich leider entschlossen, in diesem Jahr zum ersten Mal keine gemeinsame Kundgebung mit der Stuttgarter Friedensbewegung durchzuführen. Diese wird aber die wichtige Gedenkveranstaltung trotzdem durchführen, und zwar am Mittwoch, den Juli um 18.00 Uhr auf dem Marktplatz Stuttgart. Es gibt Beiträge von Paul Schobel (katholischer Betriebsseelsorger), Jörg Schmid (IPPNW), usw.
Auch hier in Schorndorf wird ab 8. Juli die Flagge wieder zu sehen sein. Bei unserer Mahnwache am 10. Juli werden wir auf das Thema eingehen. - Unsere nächste Mahnwache ist heute in einer Woche, am Freitag den 10. Juli um 18.00 Uhr wieder hier auf dem Marktplatz.
Liebe Heidrun, danke für deinen Beitrag, den ich wichtig finde . Ebenso wichtig wie den Inhalt finde ich allerdings die sprachliche Formulierung zu hinterfragen. Der wiederholte Aufruf «die GUTEN» übt schwarzmalerei u die strikte Trennung zwischen SCHWARZ und WEIß.solche Rede wird
der Wirklichkeit nicht gerecht!
Gruß! Mona
Liebe Mona,
erlaube mir, anderer Meinung zu sein.
Wenn wir schon über Formulierungen reden:
Es ist kein wiederholter «Aufruf», sondern nur die mehrfache Verwendung eines «Begriffs» für eine Gruppe von Menschen, die Dietrich Bonhoeffer in dem Eingangszitat verwendet hat – die «Guten».
Auch nicht die GUTEN, sondern schlicht und einfach: die Guten.
Und mit Schwarzmalerei hat das Ganze gar nichts zu tun.
Ich vermute, Du wolltest eigentlich sagen: «Schwarz-Weiß-Malerei».
Und vermisst die Grautöne dazwischen.
Aber was liegt zwischen Frieden (weiß) und Nicht-Frieden (schwarz)?
«Ein bisschen Frieden» – wie der nette Schlager von einst geheißen hat?
Mehr oder weniger Frieden?
Mehr oder weniger Krieg?
Das wären die Grautöne.
Dort sind die Guten nicht zu finden.
Sie wollen den Frieden.
Aber auch die reibungslose Lieferung des neuen Autos, einen vollen Kühlschrank,
einen schön gestalteten eigenen Garten.
Leider schweigen viele Gute lieber, um diese materiellen Vorteile nicht zu gefährden.
Und rücken sich damit deutlich in den Graubereich.
Nicht so weit wie die Kriegstreiber.
Die finden sich am schwarzen Ende der Skala.
Aber doch so weit, dass man sie beim genauen Hinsehen eigentlich nicht mehr die Guten heißen kann.
Sind sie hellgrau geworden?
Oder dunkelgrau?
Dieses Schwarz und dieses Weiß sind strikt zu trennen.
Sie sind das krasse Gegenteil voneinander.
Krieg und Frieden.
Dazwischen liegt ein bisschen Krieg und ein bisschen Frieden. –
Davon will ich weder das eine, noch das andere.
In dem Fall entscheide ich mich gerne für Weißmalerei und für den Frieden.
Ein bisschen Krieg erleben wir gerade in der Ferne.
(Noch) schön geschützt bei vollem Kühlschrank und schön gestaltetem Garten.
Unsere Kriegstreiber glauben, Russland besiegen zu können.
Eine Atommacht?
Im Ernst?
Wenn das «bisschen Krieg» weiter so provoziert und eskaliert wird wie derzeit,
dann wird ein dritter Weltkrieg daraus.
Mit einem atomaren Overkill in West-Europa.
Da ist dann nichts mehr grau.
Sondern nur noch schwärzeste Nacht!