Bild: privat
Martin:
Guten Abend und herzlich willkommen zu unserer Mahnwache gegen den Krieg und für den Frieden. Schön, dass ihr alle gekommen seid. Heute begrüße ich ganz besonders diejenigen, die auf dem Peacewalk to Jerusalem zu uns gekommen sind.
Und ich begrüße den Oberbürgermeister der Stadt Schorndorf, Bernd Hornikel, der gekommen ist, um die Peacewalker zu empfangen.
Als ich von diesem Peacewalk gehört und Näheres davon erfahren hatte, betrachtete ich es als Geschenk, dass die Organisatoren die festgelegte Route des offiziellen Jerusalem-Pilgerweges gerade in unserer Region etwas verändert und durch das Remstal geführt hatten.
Wir werden von allen Seiten bestürmt und beeinflusst, dass wir uns auf einen Krieg einrichten und dafür tauglich werden. Das soll unser „Mindset“ werden. Kriege beginnen im Kopf, jedoch Frieden auch, so kompliziert der Weg zu einem friedensfähigen Mindset auch sein mag.
Rikko Voorberg, der holländische Theologe, Friedensaktivist und Initiator des Peacewalks to Jerusalem, hat sich dazu von den beiden Brüdern Aziz und Maoz inspirieren lassen. Aziz war der jüngste von 7 Geschwistern, das „Küken“. Doch er hatte mit Tayseer, seinem großen Bruder, einen Beschützer und ein großes Vorbild. Er war sein Ein-und-Alles. Mit ihm teilte er auch das Bett. Seine Nähe vertrieb ihm alle Angst, die ihn, den fast 10-Jährigen, oft überfiel. Denn wenn irgendwo in der Nähe eines Hauses irgendeine Art von Protest gegen die israelische Besatzung gezeigt wurde, mussten die Bewohner mit Strafmaßnahmen rechnen.
Eines Tages, es war Ramadan, wurde Aziz und seine ganze Familie in den frühen Morgenstunden durch heftigen Lärm aus dem Schlaf gerissen. Soldaten mit Maschinenpistolen waren in das Haus eingedrungen und ergriffen Tayseer. Sie überprüften seine Identität und erklärten der klagenden Mutter, sie hätten nur ein paar Fragen an ihn. Erst nach über 9 Monaten kam er zurück. Es galt die Regierungs-Linie „Break their bones“. Das bedeutete, jeder verhaftete Palästinenser, der nicht zugab, dass er Steine geworfen oder sich an einer Protestaktion beteiligt hatte, wurde so lange geschlagen und gefoltert, bis er es zugab. Früher oder später legte jeder Verhaftete in Geständnis ab, auch wenn er völlig unschuldig war. Die Frage war nur, wie lange er es aushielt. Auch Tayseer versuchte, lange standzuhalten. Endlich, nach fast 10 Monaten Folter-Haft wieder zu Hause, hatte er noch Zeit, über seine Folterungen zu berichten, doch seine dadurch erlittenen inneren Verletzungen waren so schwer, dass er kurz nach der Entlassung daran starb. Für Aziz brach eine Welt zusammen. Sein Schutz, sein Ideal, das Vorbild für seinen aufrechten Gang und seine Hoffnung war durch monatelange Folterungen brutal ermordet worden. Eine Wunde in seiner Seele, die noch heute schmerzt. Es ist wie ein Wunder, wie sich Aziz – zusammen mit seiner ganzen Familie – danach doch entwickeln konnte, auch als Vorreiter für friedliche Verständigung.
Wir machen einen Zeitsprung von ca. 30 Jahren. Maoz, israelischer Jude, war schon lange dabei, für Verständigung zwischen Israelis und Palästinensern zu werben. In diesem Zusammenhang hatte er auch Aziz flüchtig kennengelernt. Am Morgen des 7. Oktober 2023 wurde er durch Nachrichten aufgeschreckt. Seine Eltern wohnten in einem Kibbuz ganz nahe an der Grenze zum Gaza-Streifen. Dort war er aufgewachsen. Dort hatte sein Vater die Wüste zum Blühen gebracht und seine Mutter mit Kunst-Aktionen Menschen zu friedlichen Zukunftsvisionen inspiriert. Die Telefonverbindung war stumm. Fieberhaft versuchte Maoz andere Nummern. Immer deutlicher wurde ihm, was dort gerade passierte. Und schließlich war es die grausame Tatsache: beide Eltern wurden – zusammen mit über Tausend anderen ahnungslosen Zivilisten – ermordet und bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, die Felder verwüstet und das Haus total zerstört, bis auf eine Wand des Kunstateliers der Mutter.
Aziz erfuhr vom gewaltsamen Tod von Maoz‘ Eltern. Es drängte ihn, an Maoz zu schreiben. Doch wie würde ein Brief eines Palästinensers ankommen bei einem Israeli, dessen Eltern gerade von Palästinensern ermordet wurden? Schließlich war es dieser Brief, der die beiden, Maoz und Aziz, sehr eng zusammenbrachte. Maoz Reaktion auf den 7.Okotber war: Jetzt hilft nur noch Vergebung und Versöhnung. Und wenig später schrieb er: Ich habe zwar meine Eltern verloren, doch ich habe einen Bruder gewonnen.
Gemeinsam haben sich Aziz und Maoz zunächst in Israel auf den Weg gemacht, um ihre Lebensstationen miteinander zu teilen, nachzulesen in dem bewegenden Buch: „The Future is Peace“. Sie haben sich gemeinsam in internationale Friedensprojekte eingebracht, und wurden sowohl von Papst Franziskus als auch von Papst Leo empfangen. Und Rikko Voorberg wurde von ihnen inspiriert, den „Peacewalk to Jerusalem“ zu organisieren.
Friedensmärsche waren in der Geschichte schon immer ein Mittel des Widerstands der Machtlosen. Mahatma Gandhi und Martin Luther King sind Wegbereiter. Der 3700 km lange Friedensmarsch buddhistischer Mönche von Texas nach Washington im letzten Jahr war ein Vorbild. Das gemeinsame Wandern fördert Dialog und Verständigung und gibt den Teilnehmenden die Möglichkeit, nachzudenken, Kontakte zu knüpfen und die wichtige Arbeit der Versöhnung kennenzulernen und weiterzutragen.
Jetzt ist der Peacewalk to Jerusalem zu uns gekommen. Er hat zunächst zum Ziel, dass wir von palästinensischen und israelischen Friedensstiftenden lernen und dabei ihre Arbeit zu unterstützen. Die schreckliche Lage in Palästina und Israel, ihre über 100 Jahre gewalttätige Geschichte und die Spaltung, die sie weltweit verursacht, lässt sich mit militärischen, gewaltsamen Mitteln nicht lösen. Dasselbe gilt auch für alle Kriege in der Welt. Gewalt verschlimmert die Situation. Frieden braucht ein anderes „Mindset“. Dazu leistet der Peacewalk einen wichtigen Beitrag.
Bei dem gemeinsamen Pilgern geht es um die Erfahrung, besser um das Erlaufen dieser Grundeinstellung, nicht um politische Parolen. Das schließt natürlich klare Positionen und konkrete Aktionen nicht aus, sondern hilft ihnen, die Richtung zum Frieden einzuhalten.
Mord wird klar als Mord gebrandmarkt.
Genozid ist kein Unwort, sondern eine notwendige öffentliche Anklage.
Waffenlieferungen belegen die Mittäterschaft.
Die Weigerung, die eigenen Provokationen als Ursache des Ukraine-Krieges anzuerkennen, zeigt die wahren kriegerischen Absichten.
Das Schweigen zur Herkunft der wertvollen Mineralien in unseren Handys verlängert den Krieg in Kongo.
Das alles – und noch viel mehr – nicht nur auszuhalten, sondern öffentlich zu machen und an Lösungen mitzuwirken, bedarf den entsprechenden Mindset als Grundlage und Stabilisator.
Bei den Vorbereitungen auf das Ankommen und Durchziehen des Peacewalks machten wir eine wichtige, ermutigende Erfahrung. Wenn wir anderen Menschen die Werte, die beim Peacewalk erlaufen werden, erläuterten, erlebten wir keinerlei Widerspruch, und fast nur Zustimmung und bereitwillige Unterstützung. Alle waren offen, die Botschaft des Peacewalks weiterzutragen. Nicht nur die kirchlichen Organisationen waren bereit, das Plakat aufzuhängen, auch die Moschee, und ganz spontan haben es von sich aus Leute angeboten: der Frisör, der Physiotherapeut, ein bis dahin unbekannter Tischnachbar bei einer Geburtstagsparty usw. Das ermutigt uns, die Botschaft weiterzutragen, auch wenn der Peacewalk längst weitergezogen ist.
Es folgen das Grußwort von OB Hornikel und ein persönlicher Bericht eines Peacewalkers.
Doris:
Wir werden jetzt wieder einige Minuten schweigen. Wir denken an die Opfer der Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten, und an die Opfer der Kriege in anderen Ländern, die oft vergessen werden. An die Menschen, die im Krieg verletzt wurden an Leib und Seele. An alle, die ihr Leben verloren haben, seien es Soldaten oder Zivilisten. An alle, die ihre Heimat verlassen mussten und auf der Flucht sind. An die geschundene Natur, an die zerstörte Kultur. An alle, die sich gegen den Krieg einsetzen. Mögen die Politiker auf allen Seiten endlich zur Vernunft kommen und eine weitere Eskalation verhindern.
Heidrun:
Ich lese ein Zitat von Mahatma Gandhi:
„Die Welt von morgen wird, ja muss eine Gesellschaft sein, die sich auf Gewaltfreiheit gründet.
Das ist das erste Gesetz; aus diesem werden alle anderen guten Taten hervorgehen.
Dies mag ein entferntes Ziel sein, ein unpraktisches Utopia. Aber es ist nicht im Geringsten unerreichbar, da man dafür hier und jetzt arbeiten kann.
Ein Einzelner kann den Lebensstil der Zukunft praktizieren – den gewaltfreien Weg –, ohne auf andere warten zu müssen.
Und wenn es ein Einzelner kann, können es nicht auch Gruppen, ganze Nationen?
Die Menschen zögern oft, einen Anfang zu machen, weil sie fühlen, dass das Ziel nicht vollständig erreicht werden kann. Diese Geisteshaltung ist genau unser größtes Hindernis auf dem Weg zum Fortschritt, ein Hindernis, das jeder Mensch, sofern er nur will, aus dem Weg räumen kann.“
MAHATMA GANDHI (1869-1948) – Die Welt von morgen, 10. Februar 1946
Doris:
Ich möchte noch folgendes ansagen, bevor wir unsere Mahnwache beenden:
- Wir hatten darauf hingewiesen, dass vorgestern in Stetten ein Vortrag mit Reinhard Lauterbach stattgefunden hat mit dem Thema: „22. Juni 1941 – der verdrängte Jahrestag“. . Wer den Termin verpasst hat, kann denselben Vortrag nochmals hören am Dienstag, 23. Juni 2026 um 19.00 Uhr im Gewerkschaftshaus Stuttgart, Willi-Bleicher-Str. 20. Anlass ist der 85. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion.
- Am Samstag, den 27.06 spricht um 19.30 Uhr im alten Schulhaus in Mögglingen Dr. Eugen Drewermann zum Thema: „Nur durch Frieden bewahren wir uns selber“.
- Hier noch einmal der Link zu der Plattform OpenPetition. Die Petition mit der Forderung: „Es ist fünf nach 12 für Palästinas Christen! Unsere Kirchen müssen endlich aufwachen!“ kann dort unterzeichnet werden.
- Im Anschluss an unsere Mahnwache sind alle herzlich zur Begegnung und zum Austausch ins CVJM-Haus eingeladen. Es gibt dort auch etwas Leckeres zum Essen und Trinken. Morgen werden die Pilger um 7.30 Uhr am Bahnhof Plüderhausen ihren Friedensmarsch fortsetzen. Wer möchte, darf gerne so weit wie gewünscht auf dem Weg nach Schwäbisch Gmünd mit pilgern.
- Morgen findet auch wieder wie jeden Samstag unsere Friedensbanneraktion neben dem Wochenmarkt statt. Wer sich eine Zeit lang beteiligen kann, möge sich bitte nachher bei mir melden.
- Unsere nächste Mahnwache ist heute in einer Woche, am Freitag den 26. Juni um 18.00 Uhr wieder hier auf dem Marktplatz.