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Doris:
Guten Abend. Ich begrüße Sie und euch zu unserer Mahnwache gegen den Krieg und für den Frieden. Vielen Dank allen, die gekommen sind. Heute wird Eberhard Bolay zu uns sprechen, und ich gebe das Mikrofon gleich weiter.
Eberhard:
Es gäbe aus den Nachrichten und der Presse viel anzumerken. Ich will heute etwas Positives einbringen:
Ich habe mich sehr gefreut, dass am Mittwoch, den 25.März Heinz Klippert auf Einladung der Ökumenischen Friedensgruppe um 19 Uhr ins Martin-Luther-Haus kommt. In den 90er Jahren war er in der Schulpädagogik so was wie ein Methoden-Papst. Wer Pädagogische Tage, Fallbesprechungen und Ähnliches geleitet hat, auch viele Lehrkräfte haben seine Bücher zu Sozialem Lernen, Kommunikation und Unterrichtsmethoden geschätzt.
Ich bin gespannt, was er zur Friedensthematik sagen wird. Jetzt hat mir ein Freund das Buch „Frieden?Sichern!“ ausgeliehen … ich habe mich festgelesen … und will Appetit auf mehr machen.
Ich halte mich für einen Pazifisten und lehne jede Gewaltanwendung ab. Ich habe vor bald 50 Jahren mit Ohne Rüstung leben öffentlich darauf verzichtet, durch Waffen geschützt zu werden.
Allerdings muss ich gestehen, dass mich insbesondere die aktuellen Kriege in der Ukraine, in Gaza, im Sudan usw. in meinen Meinungen und Einstellungen sehr verunsichert haben.
Klipperts Konzept des REFLEKTIERTEN PAZIFISMUS hat mich beeindruckt, insbesondere weil er damit konsequent auf die Bildungsarbeit und Friedenserziehung abhebt. Im mir wichtig gewordenen Kapitel 3 „Kriegsprävention beginnt in den Köpfen“ heißt es: „Was kann getan werden, damit sich eine zeitgemäße friedensethische Grundlage entwickelt? Welche Denkweisen und Kategorien braucht es, wenn die verbreitete Gewaltbereitschaft in unserer Gesellschaft überwunden und ein Mehr an Empathie, Respekt, Verständnis und Kompromissbereitschaft erreicht werden soll?“
In Kapitel 3.1. schreibt er „Wider das verbreitete Gut-Böse-Denken“. Natürlich sind wir immer die Guten und die anderen die Bösen. … und aus dem Buch gäbe es viel zu zitieren …
Egon Bahr (1922 – 2015) hatte unter Willi Brandt und Helmut Schmidt verschiedene Ministerien inne. Er hat die deutsche Politik damals wesentlich beeinflusst. Er wird zitiert mit dem Ausspruch „In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie und Menschenrechte. Es geht immer um Interessen von Staaten“.
Klipperts Credo: „Alles hinterfragen, alles nachprüfen und eine eigene Meinung bilden“. Das war noch nie so einfach wie heute und doch so enorm schwierig. Fake News ist keineswegs ein neues Phänomen. Neu ist höchstens, mit welcher Dreistigkeit und Arroganz diese selbst von höchsten Amtsinhabern betrieben wird.
Besonders wichtig ist ihm eine breite Informationsbasis und kritisches Lesen. Er warnt vor einer pauschalen Verurteilung unserer Medien. Er betont, dass unsere Medienlandschaft nach wie vor vielfältig und qualitätsorientiert ist. Jedoch beschreibt er auch Zwänge, unter denen Presse heute steht: ökonomische Zwänge, rückläufige Abonnenten und Werbekunden, zunehmende Monopolisierungen usw. Vorsicht mit dem rechtslastigen Begriff Mainstream-Presse. Sind die TAZ oder der Freitag schon Mainstream? Klippert betont reflektierte und kontrollierte Meinungsbildung. Ein hohes und sehr anspruchsvolles Ziel. Leider ist dabei auch KI keine Hilfe.
Eine besondere Rolle spielt bei ihm der Beutelsbacher Konsens. 1976 wurde dieser auf einer Tagung der Landeszentrale für politische Bildung von Didaktikern aller Konfessionen und politischen Parteien verabschiedet. Diese Grundsätze finden über alle Bildungsbereiche hinweg breite Zustimmung. Der Konsens legt drei Prinzipien für Politische Bildung fest.
- Überwältigungsverbot: Lehrkräfte dürfen Lernenden ihre Meinung nicht aufdrängen, sondern sollen sie in die Lage versetzen, sich mit Hilfe des Unterrichts eigene Meinungen zu bilden.
- Kontroversitätsgebot: Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers erscheinen. Dabei handelt es sich keineswegs um ein Neutralitätsgebot. Im Gegenteil sind alle, insbesondere in der Bildungsarbeit, dem Grundgesetz verpflichtet. Wir müssen uns dazu bekennen und alles Verfassungsfeindliche als solches markieren. Bildungsarbeit darf keineswegs politisch indifferent sein … obwohl es klug wäre, parteipolitisch neutral zu bleiben. Auch wenn insbesondere aus der AFD immer wieder Forderungen nach Neutralität kommen, dürfen wir gerade NICHT neutral bleiben, denn wir sind auf das Grundgesetz vereidigt. Im Prinzip Schülerorientierung betont Klippert eigene Recherchen, vor allem Fakten-Checks … und das ist nicht einfach. Die Frage nach der Zuverlässigkeit von Quellen ist schwer zu klären. Gute Adressen dafür sind Institute der Friedens- und Konfliktforschung.
Im Kap. 3.4. geht es um „Perspektivenwechsel als Erkenntnishilfe“. Auch ich halte das Schimpfwort „Putin-Versteher“ für eine große Dummheit und ein Missverständnis. Ein Missverständnis ist es, denn es geht nicht darum, Putins völkerrechtswidrigem und unmenschlichem Angriff auf die Ukraine Verständnis entgegen zu bringen. Im Gegenteil: dieser muss verurteilt werden. Doch ist es andererseits unmöglich, in diplomatische Verhandlungen zu gehen ohne ein Verstehen von Hintergründen, Ursachen und im Sinne von Egon Bahr den Interessen der beteiligten Staaten. Wer diese Interessen ignoriert, hat keine Chance auf Verständigung und Frieden.
Damit will ich enden: Auch ich denke, dass Friedensverhandlungen nicht möglich sind, wenn die Verhandelnden nicht in der Lage sind, aus der eigenen Ich-Bezogenheit zu treten und die anderen Perspektiven einzunehmen … Auch ich denke, dass es keine Alternative zu einer möglichst früh beginnenden Friedenserziehung gibt. Wir brauchen Ertüchtigung für Frieden und nicht Kriegstüchtigkeit.
Hiermit eine herzliche Einladung zum Vortrag von Heinz Klippert kommenden Mittwoch um 19 Uhr im Martin-Luther-Haus. Ich bin gespannt.
Abschluss: Zitiert aus dem Buch von Klippert S.162
Klippert, Heinz: FRIEDEN?SICHERN! Westend,1.Aufl. 2024
Doris:
Wir werden jetzt wieder einige Minuten schweigen. Wir trauern heute besonders um die Opfer der völkerrechtswidrigen Angriffe auf den Iran. Wir trauern um die Opfer der iranischen Vergeltungsangriffe in verschiedenen Ländern. Und um die Opfer all der vielen anderen Kriege. Wir trauern um die politische Vernunft, um die Diplomatie, um die Hoffnung. Möge die Resignation nicht das letzte Wort behalten.
Doris:
Ich lese aus dem Buch „Grundrechte“ von Ulrich Schaffer:
Du hast das Recht, aufzubegehren gegen die Verbreitung des Todes im Namen des Friedens.
Du hast das Recht, dich zu wehren gegen den Wahnsinn der Rüstung
und gegen die Theorien, die den Krieg zu einer Notwendigkeit erklären.
Du hast das Recht, dich zu wehren gegen das Rechnen mit Menschenleben,
ob Soldaten oder Zivilisten, denn hinter jedem Namen
steht ein schlagendes Herz mit Wünschen und Träumen.
Du hast das Recht, gegen die Finanzierung der Maschinerie des Todes aufzubegehren,
weil sie mit den Pfennigen, Cents und Kopeken,
mit dem Geld der Armen der ganzen Welt bezahlt wird.
Du hast das Recht, dich entschieden auf die Seite des Lebens zu stellen,
deine ganze Energie einzusetzen, um diesen Planeten zu retten.
Doris:
Ich möchte noch folgendes ansagen, bevor wir unsere Mahnwache beenden.
- Wer sich am morgigen Samstag an unserer Friedensbanner-Aktion beteiligen kann, möge sich bitte nachher bei mir melden.
- Am Mittwoch, den 25. März findet um 19:00 Uhr im Martin-Luther-Haus die nächste Veranstaltung der Ökumenischen Friedensgruppe statt. Dr. Heinz Klippert spricht zum Thema: „Frieden sichern – aber wie? Wider das Mantra der „Kriegsertüchtigung“. Flyer liegen in der Mitte aus.
- Am Freitag, den 27. März findet um 19.30 Uhr im Jakob-Andreä-Haus Waiblingen ein Vortrag zum Thema «Weltmacht China – Bedrohung oder Chance?» mit Andreas Zumach statt.
- Der Ostermarsch braucht dieses Jahr ganz besonders unsere Unterstützung. Er beginnt am Karsamstag, den 4. April um 12.00 Uhr auf dem Schlossplatz in Stuttgart. Schon um 10.45 Uhr wird es eine Auftaktveranstaltung am EUCOM geben mit anschließender Fahrraddemo zum Schlossplatz. Es sprechen u.a. Jürgen Wagner von der Informationsstelle Militarisierung in Tübingen und Michael von der Schulenburg, ehemaliger Diplomat der OSZE und der UN.
Das Netzwerk Friedenskooperative schreibt: Angesichts der verheerenden Kriege, der Politik der Kriegstüchtigkeit und der weltweiten Aufrüstung müssen wir Ostern ein unübersehbares Zeichen für Frieden setzen! Um Ostern möglichst viele Menschen auf die Straße zu bewegen, wollen wir dieses Jahr gerne die Ostermarsch-Anzeige richtig groß machen und sogar in 5 Zeitungen bringen. Aktuell haben bereits 1.300 Menschen die Anzeige „Kriege verweigern – Frieden schaffen!“unterschrieben. Sie wird am 26.03. in „DIE ZEIT“ sowie am 28.03. in der „taz“ veröffentlicht werden. Jetzt wollen wir die Anzeige noch zusätzlich in den Zeitungen „Neues Deutschland, der Freitag und Junge Welt schalten. Dafür brauchen wir insgesamt 2.000 Unterzeichner*innen. Hier der Link zum Unterzeichnen.
Die Flyer und Plakate zum Ostermarsch liegen in der Mitte aus. Bitte nehmen Sie auch gerne welche zum Weitergeben mit.
- In Ellwangen findet der Ostermarsch ebenfalls am 04. April statt. Beginn ist um10.00 Uhr am Bahnhof.
- Neben den lokalen Ostermärschen gibt es dieses Jahr einen Friedensmarsch von Stuttgart nach Ulm, von 04.04. bis 06.04. Er wird organisiert von der Friedenswerkstatt Ulm.
- Unsere nächste Mahnwache findet heute in einer Woche, am Freitag den 27.03. um 18.00 Uhr wieder hier auf dem Marktplatz statt.
