Bild: privat
Doris:
Guten Abend. Ich begrüße Sie und euch zu unserer Mahnwache gegen den Krieg und für den Frieden. Vielen Dank allen, die gekommen sind. Heute wird Eberhard Fliegenschmidt zu uns sprechen, und ich gebe das Mikrofon gleich weiter.
Eberhard:
Der Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer war ein prominenter Vertreter der Opposition in der DDR, engagierte sich auch in der Friedensbewegung. Im Oktober 1993 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche verliehen. Aus seiner damaligen Rede werde ich jetzt einige Abschnitte vorlesen, von denen ich denke, dass sie heute hochaktuell sind.
Sein Thema war: „Den Frieden riskieren“.
„Es ist wieder komplizierter geworden, dem Frieden das rechte Wort zu reden, wo sich Weltwirrnis und Wortwirrnis den Rang ablaufen. Mehr denn je spüre ich, wie wahr Satz und Gegensatz sind, wie Licht zu Zwielicht wird, wie wir ausgerechnet im hitzigen Streit um den wirksamen Weg zum Frieden – den Frieden verlieren. So meinten Antifaschisten, der Ermordung Entronnene, auf Dauer
einen Bonus zu besitzen, der sie berechtigte, Menschenrechte zu verletzen, weil sie selbst schrecklich Verletzte gewesen waren. Sie meinten, Feinde liquidieren zu dürfen, weil sie selbst von Liquidation bedroht gewesen waren. Die Aufgabe der Nachkommen Abels ist, dafür Sorge zu tragen, dass Kain nicht weitermacht.
Unbestechliche lebten und leben mitten unter uns, Menschen, die sich nicht zu Tätern machen lassen, durch nichts und niemand. Viele, die sich rächen könnten, vergessen nicht, was es hieß, ein Opfer zu sein. Sie sind die Hoffnung des Friedens.
Wie schnell wird andrerseits unter der Zunge, unter der Hand, der Zorn dessen, der sich gerecht wähnt, zu Unrecht, zur Untat. Aus Vorwurf wird flugs der erste Stein. Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe… Wie nah kommen sich alsbald individuelle Tragik, persönliche Rivalität und gesellschaftliches Verbrechen! Wir teilen ein, verstärken die Fronten durch Einteilungen, die tödlich werden. Unsere Erschütterung und unsere Ohnmacht verleiten dazu, aus Mitgefühl Machtmittel einzusetzen, unsererseits dreinzuschlagen, damit endlich Frieden wird. Die Vereinten Nationen finden nicht die Kraft, den Krieg auszutrocknen. Die friedlichen Mittel werden nicht ausgeschöpft. Die Waffenhändler sind unter uns.
Wenn uns die Mittel des Friedens zu teuer werden, werden wir an den Mitteln des Krieges zugrunde gehen. Was wir an zivilem Einsatz versäumt haben, werden wir nicht durch kriegerischen gutmachen können. Die Zeilen Bert Brechts will ich heute an meine Landsleute richten:
Zieht nun in neue Kriege nicht, ihr Armen,
als ob die alten nicht gelanget hätten:
Ich bitt euch, habet mit euch selbst Erbarmen!
Es geht nicht um feiges Heraushalten, sondern um einen anderen Weg des „Eingreifens“. Statt mobiler Eingreiftruppen, die unter Führung der nationenbestimmten Großmacht in den diversen Krisenherden der Welt meinen, Frieden mit modernsten Waffen schaffen zu müssen, plädiere ich für Internationale Friedenskorps, die menschliche und fachliche Kooperation in den Konfliktgebieten suchen und einen auf Gerechtigkeit beruhenden Frieden aufbauen helfen. Das kostet viel Einsatz, viel Geld, viel Phantasie, aber gewiss viel weniger Menschenleben. Wer helfen will, braucht mehr als Geländekenntnisse: Menschenkenntnis, Kenntnis der Kultur und Tradition der Krisengebiete, braucht kooperative und gewaltverneinende Strategien, konzeptionelle Arbeit an der Ursachenbeseitigung.
Wenn Schwerter Pflugscharen werden sollen, dann meint das, dass Frieden Brot bringt. Die prophetische Konversionsvision, die den Gedanken wie den Werkzeugen des Friedens gleichermaßen gilt, bleibt aktuell, bis unsre umgeschmiedeten Schwerter in der ( ver-)hungernden Welt für Brot sorgen, bis wir nicht mehr lernen, wie man Kriege führt, sondern wie man Frieden erhält und wir alle – statt unsere eigensinnigen Ziele zu verfolgen – auf ein gemeinsames Ziel zugehen: Die Völkerversammlung im Shalom.“
Und heute? 33 Jahre später?
Doris:
Wir werden jetzt wieder einige Minuten schweigen. Wir denken an die Opfer der Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten, und an die Opfer der Kriege in anderen Ländern, die oft vergessen werden. An die Menschen, die im Krieg verletzt wurden an Leib und Seele. An alle, die ihr Leben verloren haben, seien es Soldaten oder Zivilisten. An alle, die ihre Heimat verlassen mussten und auf der Flucht sind. An die geschundene Natur, an die zerstörte Kultur. An alle, die sich gegen den Krieg einsetzen. Mögen die Politiker auf allen Seiten endlich zur Vernunft kommen und eine weitere Eskalation verhindern.
Doris:
Ich lese 2 Zitate, die mir Heidrun zugeschickt hat.
Hermann Hesse:
„Bedroher unserer Welt und jedes Friedens sind jene, die den Krieg wünschen, die ihn vorbereiten und uns durch vage Versprechungen eines kommenden Friedens oder durch die Angst vor Überfällen von außen zu Mitarbeitern an ihren Plänen zu machen versuchen.“
Jack Nicholson (amerikanischer Schauspieler und Drehbuchautor):
„Wir sollten ein riesiges Referendum abhalten, gleichzeitig auf der ganzen Welt, sogar in den finstersten Gegenden. Es ginge nur um eine einzige Frage: Wer ist dafür, nie wieder einen Krieg zu führen? Und jetzt überlegen Sie mal, wie diese Wahl wohl ausgehen würde! Das ist nicht nur ein alberner Traum, das wäre tatsächlich machbar. Aber nein, nicht mit den Politikern, die wir haben.“
Doris:
Ich möchte noch folgendes ansagen, bevor wir unsere Mahnwache beenden:
- Am Dienstag, den 21. April liest um 19.30 Uhr in der Manufaktur Martin Andree aus seinem Buch „Krieg der Medien – Dark Tech und Populisten übernehmen die Macht“. Die Moderation hat Peter Schwarz.
- Am Mittwoch, den 29. April findet um 19.00 Uhr im Mühlbachhaus ein Vortrag mit Harald Hellstern von pax christi statt. Das Thema lautet: „Bewegt der Frieden uns noch?“ Hellstein gibt einen spannenden Einblick in die Versöhnungsarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die Feindesliebe mit der pax christi gegründet wurde und die politische Arbeitsweise der heutigen Friedensbewegung in über 60 Ländern. Zitat: „Aktive Gewaltlosigkeit ist der Kern unseres politischen Handelns für eine gerechte Welt ohne Gewalt und Waffen“.
- Vom 27. April bis zum 22. Mai 2026 findet die nächste Überprüfungskonferenz zum Nuklearen Nichtverbreitungsvertrag, auch Atomwaffensperrvertrag genannt, statt. Er ist 1970 in Kraft getreten. Laut Artikel VI sind die Atomwaffenstaaten verpflichtet, Abrüstungsgespräche zu führen, die zu einem konkreten Ergebnis führen müssen. Diese Verpflichtung wird seit Jahren ignoriert. Daher ist es wichtig, dass sie von den Friedensorganisationen immer wieder eingefordert wird. Die Kampage „Atomwaffenfrei-jetzt“ organisiert dazu am 21. April um 18:00 einen Webtalk. Anmeldung und Teilnahme hier.
- Die Schulstreiks gegen die Wehrpflicht gehen in die 3. Runde. Am 8. Mai werden wieder in vielen deutschen Städten Schülerinnen und Schüler gegen die Wehrpflicht auf die Straße gehen. Versichern wir Ihnen unsere Unterstützung!
- Unsere nächste Mahnwache findet heute in einer Woche, am Freitag den 24.04. um 18.00 Uhr wieder hier auf dem Marktplatz statt.
