Bild: privat
Doris:
Guten Abend. Ich begrüße Sie und euch zu unserer Mahnwache gegen den Krieg und für den Frieden. Vielen Dank allen, die gekommen sind.
Wenn ich in diesen Tagen unter einem blühenden Apfelbaum stehe, in den blauen Himmel schaue und die Bienen summen höre, dann erfasst mich ein Gefühl voller Staunen und Freude über diese wunderschöne Welt.
Wenn ich in diesen Tagen in der Zeitung lese, von der Gefahr neuer amerikanischer Angriffe auf den Iran, von der Zusage über 90 Milliarden Euro für die „Fortsetzung des Abwehrkampfes gegen Russland“, also Eskalation statt Diplomatie, von der Ankündigung unseres Verteidigungsministers, Deutschland zur „stärksten konventionellen Armee in Europa“ ausbauen zu wollen, usw… – dann erfasst mich ein Gefühl von Angst und Verzweiflung über diese verirrte Welt.
Der Kontrast zwischen den beiden Seiten könnte nicht größer sein. Wie damit umgehen? Ich möchte die Schönheit von Natur, Musik und Literatur weiterhin als Kraftquelle nutzen, um nicht zu resignieren. Und ich möchte mich weiterhin orientieren an Menschen und Initiativen, die sich dem Unrecht widersetzen, so z.B. dem katholischen Priester Paul Schobel. Vielen von uns ist er bekannt durch seine klaren und eindringlichen Worte. Walter Burkhardt hat mir eine Rede zugeschickt, die Paul Schobel kurz vor der Landtagswahl gehalten hat. Daraus möchte ich nun einige Absätze lesen:
„Mit dem völkerrechtswidrigen Angriff auf den Iran ist nun auch der angeblich so „wertebasierte“ Westen vollends in die Illegalität abgeschmiert. Was man seit vier Jahren zu Recht Putin vorwirft, wird nun zur perversen Kopiervorlage des eigenen Handelns. Wer dazu schweigt, wie es die Länder der „Werte-EU“ mit wenigen Ausnahmen tun, macht sich schuldig oder ist schizophren. Wer diesen Angriff durchwinkt oder gar noch gutheißt, steht nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes, denn dieses verbietet schon die Vorbereitung eines Angriffskriegs. Der tritt auch die UN-Charta in die Tonne, die den Mitgliedsstaaten die „Androhung oder Anwendung von Gewalt“ eindringlich verbietet.
Mein eigentliches Thema für heute heißt: „Die Hochrüstung demoliert den Sozialstaat und beschädigt den sozialen Frieden“. Wenn wir das zulassen, ist es um den inneren Zusammenhalt in dieser Gesellschaft geschehen. Dann entfachen wir den gegenwärtigen Kleinkrieg zwischen Arm und Reich, Privilegierten und Benachteiligten zu einem Flächenbrand. Es sind ja bekanntlich zwei Blutsverwandte, zwei Brüder, die gegenwärtig die Menschheit terrorisieren.
Der eine heißt „Krieg“ – das ist dieses bleiche Gerippe mit dem Stahlhelm auf dem Totenkopf – kann nur morden und brennen, bomben, plattwalzen und zerstören. Übrig bleiben Massengräber, Trümmerhalden, verbrannte Erde, Hass und Verfeindung. Im Exzess ist dieser Typ imstande, uns alle ins Jenseits zu katapultieren und den ganzen Planeten zu pulverisieren.
Der nicht weniger begabte Zwillingsbruder hört auf den Namen „Kapitalismus“ – das ist der Fett-Wanst mit den Dollar-Zeichen in den Augen. Er reagiert genauso brutal nach dem „Gesetz des Stärkeren“. Auch seine Logik ist Kriegs-Logik: Wer nicht mithalten kann im mörderischen Wettbewerb, wird gegen die Wand gedrückt und zerquetscht. „Kapitalismus“ wirtschaftet die Welt zugrunde, plündert den Planeten, zerstört die Erde als unseren Lebensraum und spaltet die Völker.
Und nun kommt´s: Die beiden Schurken arbeiten als GmbH im „Militärisch-industriellen Komplex“ Hand in Hand miteinander zusammen. Mit „beschränkter Haftung“, versteht sich, denn eigentlich haften wir, die Steuerzahler. Allen voran die Armen, denen man die Leistungen kürzt. Gefolgt von den Arbeitenden, die nun mit steigenden Beiträgen und sinkenden Standards zu kämpfen haben. Für Kapitaleigner aber waren Rüstung und Krieg immer schon ein lukratives Geschäftsmodell. Die Aktienkurse der Waffenschmieden schießen bekanntlich durch die Decke.
Was wir in der Friedensbewegung seit Jahrzehnten verkünden und was in den Armenhäusern dieser Welt längst erwiesen ist, kommt nun auch bei uns an in der guten Stube: „Rüstung tötet – auch ohne Krieg!“ Er tötet den Sozialstaat. Originalton Friedrich Merz: „Wir können uns dieses System nicht mehr leisten, wir leben über unsere Verhältnisse“. Und warum? Da bleibt er uns die Antwort schuldig, denn diese lautet: Weil wir immer mehr mühsam erwirtschafteten Wohlstand in Rüstung verpulvern. Das schlägt voll ins Kontor. Kein Wunder:
- Ein Panzer kostet 27 Millionen Euro, der Bau einer Grundschule 25 Millionen.
- Zwei Flugstunden mit dem Eurofighter (ca. 134.000 Euro) kosten so viel wie eine Neubauwohnung
- Mit jeder Artillerie-Granate fliegen drei voll finanzierte Kita-Plätze in die Luft.
Wer die Sozialhaushalte angreift, gefährdet den sozialen Frieden im Lande!
Mit wehenden Fahnen sucht man nun sein Heil in der Rüstungsindustrie. Im Ländle hocken ja alle mit Rang und Namen. Die Waffenschmieden locken natürlich mit fetten Renditen. Arbeitsmarktpolitisch aber ist die Rüstungsindustrie eine glatte Null! Sie wird die steigende Zahl arbeitsloser Menschen niemals auffangen können. Das einzige, was Hochrüstung meisterhaft kann: Sie steigert die Kriegsgefahr, denn Rüstung trägt den Krieg in sich.
Wann endlich kapieren die Regierungen: Sozialabbau ist Kriegspolitik. Friedenspolitik beginnt mit Sozialpolitik! Mit menschenwürdiger Pflege, auskömmlichen und sicheren Renten, bezahlbarem Wohnbau, einem attraktivem Öffentlichem Nahverkehr und vor allem mit Bildung und Ausbildung. Wer aber nun durch die Sparpolitik immer noch mehr benachteiligt wird, neigt dazu, draufzuhauen – und sei es auch „nur“ mit dem Stimmzettel!
Wir haben nur noch eine Wahl: Wählen wir den Frieden! Aber wie und mit wem? In meiner Verzweiflung suchte ich Rat beim „Wahl-O-mat“ der Bibel und wurde tatsächlich im 5. Buch Mose fündig. Da spricht Gott zu Israel: „Siehe, ich lege dir heute das Leben und das Gute vor, den Tod und das Böse. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen.“ (Dtn 30,15).
Wähle das Leben, und nicht den Tod!
- Wer weiterhin Waffenexporte und Waffenlieferungen wählt, riskiert bewusst den großen Krieg, auf den man uns gegenwärtig mental einstimmt und real vorbereitet.
- Wer den neuen Raketenschirm wählt, der erhöht die atomare Kriegsgefahr.
- Wer die Militärausgaben auf 3,5 % oder gar 5 % der Wirtschaftskraft erhöhen will, wählt noch mehr sozialen Unfrieden, eine noch marodere Infrastruktur, Wohnungsnot und Bildungsnotstand und stabilisiert das himmelschreiende Elend in der Welt.
Wähle das Leben und nicht den Tod! Entscheidet an Hand dieser Kriterien, wohin das Kreuzchen am Sonntag am ehesten hingehört. Das wird schwer genug. Wenn wir am Sonntag nächste Woche zur „Stimmabgabe“ gehen, sollten wir dies bitte nicht wörtlich nehmen: Nein – wir werden bei dieser Stimmabgabe die Stimme nicht abgeben, wie sich das manche wünschen. Wir werden sie weiterhin erheben, werden lamentieren, protestieren, demonstrieren, werden laut und lästig bleiben gegen den Tod und für das Leben, gegen den Krieg und für den Frieden“.
Doris:
Wir werden jetzt wieder einige Minuten schweigen. Wir denken an die Opfer der Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten, und an die Opfer der Kriege in anderen Ländern, die oft vergessen werden. An die Menschen, die im Krieg verletzt wurden an Leib und Seele. An alle, die ihr Leben verloren haben, seien es Soldaten oder Zivilisten. An alle, die ihre Heimat verlassen mussten und auf der Flucht sind. An die geschundene Natur, an die zerstörte Kultur. An alle, die sich gegen den Krieg einsetzen. Mögen die Politiker auf allen Seiten endlich zur Vernunft kommen und eine weitere Eskalation verhindern.
Doris:
Ich lese ein Zitat von Papst Leo aus seiner Osteransprache 2026.
„Wer Waffen in der Hand hält, lege sie nieder! Wer die Macht hat, Kriege zu beginnen, entscheide sich für den Frieden! Nicht für einen Frieden, der mit Gewalt erzwungen wird, sondern durch Dialog! Nicht mit dem Willen, den anderen zu beherrschen, sondern ihm zu begegnen!
Wir sind gerade dabei, uns an die Gewalt zu gewöhnen, wir finden uns damit ab und werden gleichgültig. Gleichgültig gegenüber dem Tod Tausender Menschen. Gleichgültig gegenüber den Folgen von Hass und Spaltung, welche die Konflikte nach sich ziehen. Gleichgültig gegenüber den wirtschaftlichen und sozialen Folgen, die sie verursachen und die wir doch alle spüren. Es gibt eine immer ausgeprägtere „Globalisierung der Gleichgültigkeit“.
Doris:
Ich möchte noch folgendes ansagen, bevor wir unsere Mahnwache beenden:
- dieses Wochenende vor genau 40 Jahren, am 26. April 1986, ereignete sich im Atomkraftwerk Tschernobyl der bisher größte und folgenschwerste Atomunfall der Geschichte. Die Folgen sind bis heute nicht verschwunden, die radioaktive Gefahr ist nicht Vergangenheit, auch wenn anscheinend mehr als die Hälfte der Deutschen den Atomausstieg für einen Fehler hält. Gut, dass die Umweltorganisationen eindringlich vor den gravierenden Gefahren der Atomkraft warnen.
- Am Mittwoch, den 29. April findet um 19.00 Uhr im Mühlbachhaus ein Vortrag mit Harald Hellstern von pax christi statt. Das Thema lautet: „Bewegt der Frieden uns noch?“ Hellstein gibt einen spannenden Einblick in die Versöhnungsarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die Feindesliebe mit der pax christi gegründet wurde und die politische Arbeitsweise der heutigen Friedensbewegung in über 60 Ländern.
- Vom 27. April bis zum 22. Mai 2026 findet die nächste Überprüfungskonferenz zum Nuklearen Nichtverbreitungsvertrag, auch Atomwaffensperrvertrag genannt, statt. Die Verpflichtung laut Artikel VI, regelmäßig Abrüstungsgespräche zu führen, die zu einem konkreten Ergebnis führen müssen, wird seit Jahren von den Atommächten ignoriert. Daher ist es wichtig, dass sie von den Friedensorganisationen immer wieder eingefordert wird. Die Kampagne „Atomwaffenfrei-jetzt“ organisiert dazu insgesamt 3 Webtalks, der nächste ist am 30. April. Anmeldung und Teilnahme hier.
- Die Schulstreikbewegung bereitet für den 8. Mai – dem Jahrestag der Befreiung von Krieg und Faschismus – den dritten Schulstreik gegen die Einführung einer neuen Wehrpflicht vor. Dafür fand am 18. und 19. April in Göttingen eine Schulstreikkonferenz statt, zu der sich über 200 Delegierte örtlicher Schulstreikkomitees aus ganz Deutschland trafen. Dort wurde ein Perspektivenpapier beschlossen. Der Protest gegen die Wehrpflicht hat das Potenzial, zu einer großen antimilitaristischen Jugendbewegung zu werden – und damit auch zur Stärkung der Friedensbewegung beizutragen. Sorgen wir mit dafür, dass es gelingt! Stand heute sind schon Aktionen in 98 Städten angemeldet, u.a. auch in Schwäbisch Gmünd, Ulm und Stuttgart.
Infos hier. - Martin Singe und Armin Lauven von Pax Christi haben eine Anzeige gegen die Bundesregierung erstattet wegen des Verdachts der Beihilfe zu dem völkerrechtswidrigen Krieg der USA und Israels gegen den Iran. Nun haben sie auch eine Petition gestartet für ein «Gesetz zur Untersagung der Nutzung deutschen Hoheitsgebiets und Luftraums für völkerrechtswidrige militärische Einsätze». Die Listen zum Unterzeichnen dieser Petition liegen in der Mitte aus, oder können hier ausgedruckt und unterschrieben werden, dort auch Weiteres zum Wortlaut der Petition.
- Nächsten Freitag ist der Maifeiertag, und es findet keine Mahnwache statt. Unsere nächste Mahnwache ist heute in zwei Wochen, am Freitag den 08.05. um 18.00 Uhr wieder hier auf dem Marktplatz.
