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Doris:
Guten Abend. Ich begrüße Sie und euch zu unserer Mahnwache gegen den Krieg und für den Frieden. Vielen Dank allen, die heute gekommen sind.
Einige Wochen lang lag das Hauptinteresse vieler Menschen bei der Fußball-WM. Einige Tage lang bei der SchoWo. Unsere Mahnwache war letzten Freitag inmitten des Festgewimmels eingezwängt, aber sichtbar. Heute stehen wir wieder hier, ohne Ablenkung, in großer Sorge wegen der Eskalation der Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten und anderswo.
Um Kriege zu führen, braucht man Soldaten. Viele Soldaten. Ich möchte zunächst an einen denkwürdigen Jahrestag erinnern, der vergangenen Dienstag, am 21. Juli begangen wurde: Vor genau 70 Jahren trat in der Bundesrepublik unter Konrad Adenauer erstmals die Wehrpflicht in Kraft. Die oppositionelle SPD war damals strikt dagegen. Sie sah durch eine Wehrpflicht die Spaltung zwischen West- und Ostdeutschland verstärkt – ebenso eine mögliche Kriegsgefahr. Heute, 70 Jahre später, stellt die SPD den Verteidigungsminister. Boris Pistorius sagt, die Einführung der Wehrpflicht 1956 sei ein «total richtiger und wichtiger» Schritt gewesen.
Die Wehrpflicht wurde 2011 auf Initiative des damaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg, CSU, ausgesetzt – nicht abgeschafft. Anfang 2026 wurde ein neuer Wehrdienst eingeführt: Der Dienst ist bis jetzt freiwillig, die Musterung Pflicht. In den ersten 6 Monaten des Jahres wurden ca. 300 000 Briefe verschickt. Nicht alle haben den Fragebogen ausgefüllt und zurück geschickt. Sie müssen jetzt mit einem Bußgeld rechnen. Nach Angaben des Ministeriums hätten etwa 25 Prozent der jungen Männer laut Fragebogen erstes Interesse an der Bundeswehr gezeigt. Diese Gruppe sei telefonisch kontaktiert worden, danach seien noch 12,5 Prozent weiterhin interessiert gewesen. 530 der Angeschriebenen wurden rekrutiert. Das sind 0,18 Prozent der Angeschriebenen. Allerdings hätten sich laut Ministerium im ersten Halbjahr insgesamt rund 10 000 Interessenten anderer Altersgruppen zum Freiwilligen Wehrdienst gemeldet. Die Abbruchquote bleibe jedoch hoch, so beende im Schnitt jeder Vierte den Wehrdienst vorzeitig. Nur vier Prozent der Frauen haben auf den Fragebogen geantwortet.
Kein Wunder, dass viele Politiker die Wiedereinsetzung der Wehrpflicht fordern. Aktuell beträgt die Personalstärke der Bundeswehr 185 200. Bis 2031 soll die Truppe auf 203 000 Soldatinnen und Soldaten anwachsen, bis 2035 sogar auf 460 000 inklusive Reservisten. Wehrdienstverweigerung ist weiterhin möglich, und sie hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Leider hat auch die Zahl derjenigen zugenommen, die ihre frühere Wehrdienstverweigerung widerrufen. 402 sogenannte „Verzichtserklärungen“ seien in den ersten 6 Monaten des Jahres eingegangen, heißt es.
Die meisten jungen Menschen, die demnächst gemustert werden, kennen Soldaten nur aus den Geschichtsbüchern, den Erzählungen ihrer Großeltern oder aus dem Fernsehen. Wie sieht die Realität des Wehrdiensts in einem möglichen Krieg aus? Wie sieht die Realität heute schon in den existierenden Kriegen aus? Für Russland beziffern unterschiedliche Quellen die Verluste mit 1,2 – 1,4 Millionen Soldat*innen, für die Ukraine zwischen 500 000 und 600 000. Die Zahlen sind nicht genau überprüfbar, so heißt es meistens. Aber wir könnten es sowieso nicht wirklich erfassen, was hinter diesen Zahlen steht.
Den Soldatinnen und Soldaten auf beiden Seiten der gegenwärtigen Kriege möchte ich jetzt einige Gedanken widmen. Wer sind sie, diese jungen Männer und auch Frauen, die auf Anordnung ihres Anführers ihr Leben aufs Spiel setzen oder bereits verloren haben? Mit welchen Gefühlen gingen sie in den Krieg? Sind sie freiwillig dem Befehl gefolgt, überzeugt, dass sie für die gerechte Sache kämpfen? Oder wurden sie gezwungen? Glauben sie ihrem jeweiligen Präsidenten, dass er nur das Beste will und vollkommen zu Recht diesen Krieg führt, oder haben sie Zweifel? Was empfinden sie, wenn sie andere Soldatinnen und Soldaten oder Zivilpersonen töten müssen? Stecken sie das einfach so weg, weil es sich ja um sogenannte Feinde handelt, oder verfolgt sie diese Schuld ein Leben lang? Wie geht es ihnen, wenn sie an ihre zurückgelassenen Frauen, Kinder und Mütter denken? Haben sie Angst, den Krieg schwer verletzt zu überleben und für immer behindert zu sein? Wie sollen sie all das Grauen jemals verarbeiten, das sie im Krieg erlebt haben? Sind sie bereit zu sterben oder wollen sie nicht vielmehr einfach nur leben, wie es ihr gutes Recht wäre?
Ich bin überzeugt, dass es zu allen Zeiten in allen Kriegen größtes Unrecht bedeutet, junge Menschen für militärische Ziele zu opfern. Auf Soldatenfriedhöfen oder an Gedenktafeln lesen wir dann z.B. „sie fielen für ihr Vaterland“ oder „euch zur Erinnerung – uns zur Mahnung“. Hören wir sie denn nicht, diese Mahnung? Der Begriff „fallen“ täuscht darüber hinweg, um welch brutalen Tod es sich handelt. Als Kind hatte ich eine Großtante, die immer in Schwarz gekleidet war und immer weinte, wenn wir sie besuchten. Sie erzählte jedes Mal, dass ihr Mann und ihre drei Söhne im Krieg gefallen sind. Ich habe damals nicht verstanden, was sie damit gemeint hat. „Fallen“ bedeutete für mich „Hinfallen“, und da kann man ja wieder aufstehen. Erst später hat man mir erklärt, was es mit diesem „Fallen“ auf sich hat. Auch heute wird der verharmlosende Begriff „Fallen“ noch manchmal benutzt. Vielleicht, weil wir der Wirklichkeit nicht ins Auge schauen wollen.
Als Jugendliche habe ich dann, wie einige von Ihnen vielleicht auch, zur Gitarre gesungen: „Soldat, Soldat, in grauer Norm – Soldat, Soldat, in Uniform – Soldat, Soldat, im nächsten Krieg – Soldat, Soldat, gibt es kein Sieg – Soldaten seh´n sich alle gleich – lebendig und als Leich.“ Oder ich habe auf der Schallplatte das Lied „Universal Soldier“ von Donovan gehört. Wo es z.B. heißt: “And he knows he shouldn’t kill – and he knows he always will” und am Schluss: “he really is to blame. His orders come from far away no more. They come from here and there and you and me, and brothers, can’t you see: This is not the way to put an end to war”.
Das ist nicht der Weg, um den Krieg zu beenden. Das ist auch nicht der Weg, um den Krieg zu verhindern, wie man uns glauben machen will. Was ist dann der Weg? Diese Frage lässt sich natürlich nicht so einfach mit einem Satz beantworten. Vor kurzem wurde jedoch eine „ökumenische Friedensschrift“ veröffentlicht, deren Titel einer Antwort sehr nahe kommt. Er lautet: „Wer Frieden will, muss mit dem Feind reden“.
Genau dies fordern immer wieder prominente Historiker, Friedensforscher und sogar ehemalige Militärs. Ebenso die Ärzteorganisation IPPNW. Sie hat aus Anlass des 85. Jahrestags des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion am 22.Juni 1941 einen Aufruf veröffentlicht. Ich lese einige Sätze daraus:
Überschrift: Historischer Auftrag zur Verständigung und Versöhnung
Geschätzte 27 Millionen Menschen aus den Gebieten der heutigen Ukraine, Russlands, Belarus und anderen ehemaligen Republiken der damaligen UdSSR verloren ihr Leben, unzählige weitere litten unter Krieg, Besatzung und Gewalt durch die deutsche Wehrmacht…
Das Gewaltverbot der UN-Charta, das die internationale Gemeinschaft als Reaktion auf die Schrecken des Zweiten Weltkrieges beschloss, erklärt Frieden zu einer international verbindlichen Norm. Dem Frieden zu dienen, ist Staatsziel der Bundesrepublik, das in Art. 1 und Art. 22 des Grundgesetzes formuliert wird. Die IPPNW fordert die Bundesregierung auf, deutlich mehr diplomatische Anstrengungen zur Beendigung des Ukrainekrieges zu unternehmen, die den Aufbau einer neuen europäischen Friedensordnung zum Ziel erklären… Die Bundesregierung sollte jetzt eine europäische Initiative zu Beendigung dieses Krieges auf den Weg bringen. Dazu könnte sie die chinesisch-brasilianischen Vorschläge aus dem Jahr 2024 wieder aufgreifen, die von der Schweiz unterstützt werden…
Frieden und Verständigung mit allen Völkern der ehemaligen Sowjetunion bleiben unsere historischen Aufgaben. Wir suchen entsprechend unserem humanistischen Menschenbild in allen
Bevölkerungen nach Anknüpfungspunkten und Gemeinsamkeiten, um Frieden und Abrüstung voranzutreiben. Für Deutschland setzt sich die IPPNW dafür ein, dass zivile Kooperationen auch mit Russland, wie Städtepartnerschaften, erhalten und ausgeweitet werden. Zivilgesellschaftliche Brücken zu schlagen, bedeutet keine Unterstützung von Regierungspolitik, sondern schafft wichtige Instrumente zum Schutz von Minderheiten und bereitet den Boden für Frieden und Versöhnung.
Zitat Ende.
Ja: „Wer Frieden will, muss mit dem Feind reden“. Das ist wirklich wahr.
Doris:
Wir werden jetzt wieder einige Minuten schweigen. Wir denken an die Opfer der Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten, und an die Opfer der Kriege in anderen Ländern, die oft vergessen werden. An die Menschen, die im Krieg verletzt wurden an Leib und Seele. An alle, die ihr Leben verloren haben, seien es Soldaten oder Zivilisten. An alle, die ihre Heimat verlassen mussten und auf der Flucht sind. An die geschundene Natur, an die zerstörte Kultur. An alle, die sich gegen den Krieg einsetzen. Mögen die Politiker auf allen Seiten endlich zur Vernunft kommen und eine weitere Eskalation verhindern.
Doris:
Ich lese ein Gedicht von George Mizo, der als Offizier im Vietnamkrieg war und dadurch zum Friedensaktivisten wurde:
Du, meine Kirche, du sagtest mir: Es ist falsch zu töten. Außer im Krieg.
Ihr, meine Lehrer, ihr sagtest mir: Es ist falsch zu töten. Außer im Krieg.
Ihr, mein Vater, meine Mutter, ihr sagtet mir: Es ist falsch zu töten. Außer im Krieg.
Ihr, meine Freunde, sagtet mir: Es ist falsch zu töten. Außer im Krieg.
Du mein Land sagtest mir: es ist falsch zu töten. Außer im Krieg.
Ihr schicktet mich in den Krieg um zu töten.
Und als ich keine Wahl hatte, sagtet ihr mir, ich sei im Unrecht,
weil ich das tat, was ihr verlangt habt.
Aber jetzt weiß ich: ihr hattet Unrecht.
Und jetzt, meine Kirche, meine Lehrer, meine Eltern, meine Freunde, meine Regierung, will ich euch sagen: Es ist falsch zu töten. Punkt!
Das müsst ihr lernen, genau so, wie ich es lernen musste.
Doris:
Ich möchte noch folgendes ansagen, bevor wir unsere Mahnwache beenden:
- Wer sich morgen an unserer letzten Friedensbanner-Aktion vor den Sommerferien beteiligen kann, möge sich bitte nachher bei mir melden. Trotz dem Getümmel und dem Lärm der SchoWo bekamen wir letzten Samstag einige positive Resonanz von den Passanten.
- Vom 31.07. – 08.08. veranstaltet die DFG-VK Bayern wieder eine Pacemakers-Friedens-Radtour von Nördlingen über Stuttgart nach Ulm unter dem Motto: „Auf Achse für Frieden und Abrüstung“. Am Montag, 03.08. werden die Radfahrer um 11.00 Uhr in Schorndorf bei unserem Ginkobaum Station machen. Um 12.00 Uhr wird es eine Aktion auf dem Marktplatz geben. Alle sind herzlich dazu eingeladen. Es wird (hoffentlich) noch einen Bericht in der Presse geben.
- Am Freitag, den 07.08. werden wir um 18.00 Uhr auf dem Schorndorfer Marktplatz wie jedes Jahr seit 2019 eine Mahnwache zum Hiroshima-/ Nagasaki Gedenken abhalten. Wer dazu einen Text, ein Gedicht oder Anderes beitragen kann, möge sich bitte bei uns melden. Es wäre schön, wenn mehrere Personen sich beteiligen.
- Am 03. Oktober wird es wie letztes Jahr 2 große Friedensdemonstrationen in Berlin und Stuttgart geben.
- Heute möchten wir nochmal etwas Geld sammeln, das die Firma Schmid für die kostenlose Überlassung dieser Lautsprecheranlage seit 4 ½ Jahren bekommen soll. Wer etwas geben möchte, bitte in dieses Glas legen.
- Es ist heute die letzte Mahnwache vor den Sommerferien, mit Ausnahme der Mahnwache zum Hiroshima/ Nagasaki-Gedenken. „Warum macht ihr denn in den Sommerferien keine Mahnwache? Der Krieg macht doch auch keine Ferien“. So bin ich gefragt worden. Ja, der Krieg macht leider keine Pause. Auch in den Ferien sind wir täglich mit schlimmen Nachrichten konfrontiert. Und wir fragen uns: Was wird wohl bis zum Ende der Sommerferien alles passiert sein? Dennoch: auch wir brauchen eine Pause, in der wir versuchen können, ein wenig Abstand zu bekommen, uns bewusst den schönen Dingen zuzuwenden und neue Kraft zu sammeln. Das wünsche ich uns allen.