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Doris:
Guten Abend. Ich begrüße Sie und euch zu unserer Mahnwache gegen den Krieg und für den Frieden. Vielen Dank allen, die heute gekommen sind.
Wieder einmal stehen wir hier, voller Sorge, Angst, Ohnmacht und Wut über die immer bedrohlicher werdende Situation in unserer Welt. Das Schlimme scheint seinen Lauf zu nehmen, ohne dass irgendjemand diese Entwicklung aufhält.
Die meisten Menschen in unserer Umgebung scheinen dies kaum zur Kenntnis zu nehmen. Es ist ihnen jedenfalls nicht anzumerken, und sie reden nicht darüber. Der Alltag geht weiter wie gewohnt. Oder etwa doch nicht? Manche sagen, sie hören schon keine Nachrichten mehr, weil sie das alles nicht mehr aushalten. Und Andere sagen: „Man kann ja doch nichts ändern – die da oben machen sowieso was sie wollen“.
Und wir? Man sagt uns: „Warum steht ihr denn immer noch hier? – es bringt doch nichts – es dient höchstens der Gewissensberuhigung!“ Ich möchte meine Gedanken und Gefühle sortieren und eine Antwort versuchen. Ich kann diese nur für mich formulieren, weil wir ja lauter unterschiedliche Menschen sind. Manches gilt vielleicht für alle, Anderes nicht.
Ich stehe hier, weil ich der Überzeugung bin, dass weder Verdrängung noch Resignation ein legitimer Weg sind, auch wenn die Verlockung dazu auch bei mir immer wieder groß ist. Ich alleine bin oft verzweifelt. Es ist mir aber eine große Hilfe, dass wir unsere wöchentliche Mahnwache haben. Wenn ich hier in unserem Kreis stehe, dann spüre ich Rückhalt in dieser Gemeinschaft. Ich sehe die bunten Farben der Friedensfahnen und die Botschaft der Transparente, die den Kontrast zum Militarismus symbolisieren. Das tut gut. Aber unsere Mahnwache ist nicht nur Psychohygiene. Wir setzen kontinuierlich hier auf dem Marktplatz mitten in Schorndorf ein sichtbares Zeichen gegen den Krieg und für das Leben. Die Frage: „Was bringt das?“ lässt sich natürlich nicht so einfach beantworten. Aber ich finde, es macht einen Unterschied, ob wir hier stehen oder nicht. Ob wir gemeinsam für den Frieden auf die Straße gehen oder ob wir uns, jeder und jede für sich, in unsere Häuser zurückziehen und nichts sagen, weil es ja „nichts bringt“.
Natürlich können wir noch mehr tun, außer zur Mahnwache zu gehen. Bei unserer Banneraktion samstags neben dem Wochenmarkt sind wir mit unserer Botschaft noch näher an den Menschen, und es sind mehr Menschen als freitags unterwegs, die uns wahrnehmen. Natürlich gehen die meisten vorbei und tun so, als ob wir nicht da wären. Ab und zu ruft mal jemand: „Geht doch zu Putin mit eurem Transparent“. Auf ein Gespräch mit uns lassen sich solche Menschen aber meist nicht ein. Immer häufiger nicken uns jedoch Passanten freundlich zu oder sagen „Guten Morgen“. Sie finden es vermutlich richtig, was auf unseren Transparenten steht. Etliche sagen auch: „Stimmt“ oder sie bedanken sich bei uns. Manchmal entwickeln sich gute Gespräche. Also auch eine Aktion, die durch Kontinuität eine gewisse Wirkung erzielt. Es wäre schön, wenn sich immer wieder genügend Leute finden, die samstags mitmachen.
Auf die Frage: „Was können wir denn tun?“ antwortete kürzlich im Martin-Luther-Haus die Palästinenserin Sumaya Farhat-Naser: „Schreiben Sie den Politikern und den Kirchenleuten!“ Ich finde es wichtig, dies immer wieder zu tun. Wie sollen sie sonst erfahren, dass wir nicht mit ihnen einig sind? Wir können einen individuellen Brief an Regierende, Abgeordnete usw. schreiben oder uns einer Petition anschließen. Ich nenne 3 Beispiele:
- Zur Kundgebung gegen neue Mittelstreckenwaffen kamen am vergangenen Samstag ca. 2000 Menschen nach Wiesbaden. Nun gibt es eine neue Petition zu diesem Thema bei der Plattform Change.org mit dem Titel: „Abrüstung JETZT!“ Der Text startet: „Die Ankündigung des US-Präsidenten, keine neuen Marschflugkörper in Deutschland zu stationieren, ist die Chance für einen Politikwechsel, der die gegenwärtige Phase der Rüstungseskalation beendet…“ usw. Viele prominente Erstunterzeichner stehen hinter der Petition und ihren Forderungen. Der Link dazu wird auf unserer homepage sein.
- Die Organisation Pro Peace hat eine neue Petition an die Bildungsministerkonferenz gestartet mit dem Titel: „Frieden in den Lehrplan“. Sie fordert Friedensbildung für Schüler*innen und Lehrkräfte anstatt Jugendoffiziere der Bundeswehr an den Schulen. Die Petition kann man online unterzeichnen bei Pro Peace oder auf einer Unterschriftenliste, die in der Mitte ausliegt.
- Wir alle sind in großer Sorge wegen der Eskalation des Krieges in der Ukraine. Es handelt sich inzwischen nicht mehr „nur“ um die Verteidigung gegen den russischen Angriffskrieg, sondern die Ukraine trägt den Krieg tief in das russische Gebiet. Russland reagiert mit Vergeltung, ebenso wieder die Ukraine. Deutschland und Europa finden keine andere Strategie als neue harsche Drohungen gegen Russland, neue Sanktionspakete, neue Waffenlieferungen an die Ukraine. Obwohl all das in der Vergangenheit nichts genützt hat. Jeffrey Sachs, Professor an der Columbia University, hat dazu am 27.05. einen Offenen Brief an Bundeskanzler Merz geschrieben. Überschrift: „Verhindern Sie offenen Krieg mit Russland!“ Sein Fazit: „Der Weg zur Verteidigung der Ukraine ist nicht die Fortsetzung des Gemetzels, sondern ein Frieden zu Bedingungen, die für alle Parteien akzeptabel sind… Es ist höchste Zeit zu handeln… Bitte nehmen Sie den Dialog mit Präsident Putin auf. Bitte entsenden Sie Ihren Außenminister nach Moskau oder laden Sie den russischen Außenminister nach Berlin ein. Bitte öffnen Sie die OSZE- Kanäle wieder, die Deutschland verkümmern ließ…“ Dieser Brief wurde bei der letzten Mahnwache schon von Detlef erwähnt, und der Link dazu befindet sich auf unserer homepage. Sicher haben viele von uns ihn bereits gelesen. Ich habe mir nun überlegt, dass wir doch ebenfalls an Bundeskanzler Merz schreiben könnten und ihm mitteilen, dass wir uns dem Brief von Jeffrey Sachs anschließen. Ich habe ein solches Anschreiben vorbereitet, das ich mit einigen Unterschriften von uns, zusammen mit dem Offenen Brief, an Herrn Merz schicken möchte. Ich bitte darum, dass diejenigen, die das unterstützen möchten, das Anschreiben nachher unterzeichnen.
Während wir täglich um die Situation in der Ukraine und darüber hinaus bangen, erreichen uns gleichzeitig beängstigende Nachrichten zum Thema Iran. An einem Tag steht in der Zeitung, eine Einigung zwischen den USA und dem Iran stehe kurz bevor. Schon am nächsten Tag ist von einer wahrscheinlichen baldigen Fortsetzung des Krieges die Rede. Die Auswirkungen auf die Menschen im Libanon, die Menschen in Gaza und im Westjordanland sind katastrophal. Davon steht immer noch viel zu wenig in der Zeitung. Und immer noch mischen sich die Kirchen viel zu wenig ein, um den Notleidenden und Entrechteten beizustehen. Die Ökumenische Friedensgruppe will auch in dieser Sache demnächst Briefe an die Kirchenleitenden schreiben, worum uns Sumaya Farhat-Naser gebeten hat.
Ich komme zurück auf meine Eingangsüberlegungen. Unsere Angst, unsere Hilflosigkeit, unsere Zweifel: Ist die große Katastrophe überhaupt noch aufzuhalten? Ich will daran glauben, dass es trotz allem sinnvoll ist, sich für eine bessere Welt einzusetzen mit den Kräften, die uns zur Verfügung stehen. Festhalten an der Hoffnung, dass Veränderung möglich ist. Eine Utopie haben.
Es braucht unseren Einsatz. Aber es können auch unerwartete Dinge geschehen, die zum Guten führen. Davon handelt ein Gedicht des norwegischen Lyrikers Olav Håkonson Hauge, das ich zum Schluss vorlesen möchte.
Der Traum in uns
Das ist der Traum, den wir tragen,
dass etwas Wunderbares geschieht,
geschehen muss –
dass die Zeit sich öffnet,
dass das Herz sich öffnet,
dass Türen sich öffnen,
dass der Berg sich öffnet,
dass Quellen springen –
dass der Traum sich öffnet,
dass wir in einer Morgenstunde gleiten
in eine Bucht, um die wir nicht wussten.
Heidrun:
Wir werden jetzt wieder einige Minuten schweigen. Wir denken an die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, an die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung. An die Menschen, die im Krieg verletzt wurden an Leib und Seele. An alle, die ihr Leben verloren haben, seien es Soldaten oder Zivilisten. An alle, die ihre Heimat verlassen mussten und auf der Flucht sind.
Wir denken an alle, die sich für den Frieden stark machen, in der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern. Und in der Hoffnung, dass ein friedensstiftendes Bewusstsein immer mehr Menschen erreicht.
Heidrun:
Ich lese einen Text von Howard Zinn, einem US-amerikan. Historiker und Politikwissenschaftler:
„Man sagt, das Problem sei ziviler Ungehorsam, aber das ist nicht unser Problem.
Unser Problem ist der zivile Gehorsam. Unser Problem ist die große Anzahl der
Menschen auf der ganzen Welt, die dem Diktat ihrer Regierung folgen und deshalb in Kriege ziehen, in denen dann Millionen genau wegen diesem zivilen Gehorsam getötet werden. Unser Problem ist der zivile Gehorsam auf der ganzen Welt, angesichts der Armut, des Hungers, der Dummheit, der Kriege und aller Verbrechen.
Unser Problem besteht darin, dass Menschen gehorsam sind, sich die Gefängnisse wegen Bagatellen füllen, während die großen Verbrecher die Staatsgeschäfte führen.
Das ist unser Problem!“
HOWARD ZINN (1922-2010) – Disobedience and Democracy, 1968
Heidrun:
Ich möchte euch noch ein paar Informationen mitgeben, bevor wir unsere Mahnwache beenden:
- Ich erinnere nochmals an die Veranstaltung am Dienstag, 9. Juni um 19.00 Uhr in Esslingen. Das dortige Friedensbündnis lädt zu einer Diskussionsveranstaltung mit Ulrich Bausch ins Gewerkschaftshaus Esslingen ein. Das Thema lautet: „Sind wir bedroht – von wem? Militarisierung als Lösung?“
- Daniele Ganser, der bekannte Schweizer Historiker, Publizist und Friedensforscher kommt am 20.09.2026 nach Heilbronn und am 21.09.2026 nach Böblingen. Sein Vortrag lautet „Die NATO ein gefährliches Militärbündnis“. Karten können hier über das Internet bestellt werden.
- Peacewalk:
Die Vorbereitungen für den Empfang der Peacewalker nehmen konkrete Formen an. Der Peacewalk führt am 18.06. von Esslingen nach Remshalden und am 19.06. von dort -über Schorndorf- nach Plüderhausen.
Am 19.06. möchten wir zusammen mit den Pilgern um 18 Uhr unsere Mahnwache abhalten und anschließend im CVJM-Haus zusammenkommen. Am 20.06. geht der Pilgerweg von Plüderhausen dann weiter nach Schwäbisch Gmünd.
Wir werden erst sehr kurzfristig erfahren, wie viele Peacewalker unsere Gäste sein werden. Deshalb freuen wir uns, wenn wir bei Bedarf spontan Unterstützung bei Essensspenden oder Fahrdiensten von Plüderhausen nach Schorndorf bekommen könnten. Wenn ihr etwas beitragen könnt, bitte tragt euch in die Liste ein, die in der Mitte liegt. Falls wir dann noch Bedarf haben, werden wir euch anrufen.
Selbstverständlich freuen wir uns über euer zahlreiches Kommen zur Mahnwache am 19.06. und zum gemeinsamen Abend im CVJM- Haus.
Ein besonderes Erlebnis ist sicherlich, eine Strecke oder eine Teilstrecke mit unterwegs zu sein. Wer hat dazu Lust?
Vielen Dank fürs Zuhören.