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Doris:
Guten Abend. Ich begrüße Sie und euch zu unserer Mahnwache gegen den Krieg und für den Frieden. Vielen Dank allen, die heute gekommen sind.
Vergangene Woche war in der Zeitung zu lesen: Im Jahr 2025 gaben die neun Atommächte knapp 119 Milliarden US-Dollar oder 3.768 Dollar pro Sekunde für ihre Nukleararsenale aus, 19% mehr als im Vorjahr. Das ist absolut unbegreiflich. Man sagt uns, nukleare Aufrüstung sei notwendig, da Putin ja damit angefangen habe. Die Zahlen besagen, dass die USA mit 69,2 Milliarden Dollar auf „Platz 1“ liegen, Russland mit 9,5 Milliarden Dollar „nur“ auf Platz 4. Gut, dass sich die Friedensorganisation ICAN unablässig für nukleare Abrüstung einsetzt. Sie wird unterstützt von den 99 Mitgliedstaaten des Atomwaffenverbotsvertrags und von tausenden Parlamentarier*innen aus Atomwaffenstaaten und deren Verbündeten sowie von Metropolen wie Paris, Washington und Berlin, die ihre Regierungen auffordern, dem AVV beizutreten.
Gut, dass es auch zahlreiche große und kleine Projekte und Initiativen gibt, die sich für Frieden im Nahen Osten einsetzen. So z.B. der „Peacewalk“ nach Jerusalem, über den wir nächsten Freitag Genaueres hören werden. Oder das Komitee für Grundrechte, das mit seinem Projekt „Wieder Sprechen“ seit nunmehr 35 Jahren Dialoge über Grenzen hinweg ermöglicht. So werden auch dieses Jahr trotz erschwerter Bedingungen Begegnungen zwischen Israelinnen und Palästinenserinnen organisiert. Oder ein ganz kleines aber beachtliches Projekt zweier Schwestern aus Gaza, über das Julia Tappeiner berichtet. Ich lese den Text, den mir Helga Birkel zugeschickt hat:
„Zwei Schwestern aus Gaza haben Bausteine aus Gebäudetrümmern entwickelt und dafür nun den Earth Prize gewonnen, den weltweit größten Umweltpreis für junge Menschen. Ihre Erfindung entstand in einem Zelt eines Geflüchtetencamps, in dem sie mit ihrer Familie leben. Damit wollen die beiden Teenagerinnen Farah (15 Jahre) und Tala (17 Jahre) zum Wiederaufbau ihres Landes beitragen. Seit dem Beginn des Kriegs im Jahr 2023 wurden rund 90% der Bevölkerung im Gazastreifen vertrieben. Das sind fast 2 Millionen Menschen. Ein Großteil der Infrastruktur und Gebäude liegt in Schutt und Asche. Obwohl im Oktober letzten Jahres ein Waffenstillstand beschlossen wurde, hat sich laut Jaco Cilliers vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen die humanitäre Lage für die Menschen vor Ort kaum verbessert. Auch der Wiederaufbau habe noch kaum begonnen.
Umso inspirierender ist die Erfindung und Selbstermächtigung der 2 jungen Erfinderinnen. Statt in Lähmung zu verfallen, begannen die Schwestern, zu tüfteln. Sie zerkleinerten Trümmer, siebten den Schutt und mischten ihn mit Ton, Asche und Glaspulver – heraus kamen leichte, günstige Bausteine. Laut den Schwestern eignen sie sich zwar nicht als Grundlage für lasttragende Wände, wohl aber für Trennwände in einer Wohnung oder für Gehwege. »Wir haben etwas Negatives in etwas Positives verwandelt, indem wir den Schutt nicht nur als Symbol der Zerstörung gesehen haben«, sagt Tala gegenüber der BBC. Der Anblick der Zerstörung um ihr Zelt herum habe sie motiviert. Für ihre Erfindung wurden die beiden als Siegerinnen der Region Naher Osten mit dem Earth Prize ausgezeichnet. Sie erhalten dafür mehr als 10.000 Euro. Das Geld wollen sie nicht für sich behalten: Sie planen Workshops, um andere Menschen in Gaza darin auszubilden, die Steine selbst herzustellen.“
So weit der Bericht des Magazins „Perspective daily“ unter der Rubrik „Gute Nachrichten“.
Als gute Nachricht empfinde ich es auch, dass Papst Leo immer wieder deutliche Worte zum Thema Krieg und Frieden findet. Bei seinem Spanienbesuch von 6.-12. Juni sprach er am vergangenen Montag vor dem spanischen Parlament, und ich möchte nun einige Absätze aus dieser Rede vorlesen:
«Sehr geehrte Damen und Herren:
Die Welt befindet sich in einer tiefen geistigen und kulturellen Krise, die sich in vielfältigen Formen von Gewalt, Polarisierung und gegenseitigem Misstrauen äußert. In diesem Zusammenhang stellt sich der Frieden als politisches Ziel und darüber hinaus als echte moralische Notwendigkeit dar. Er verlangt nach einem öffentlichen Diskurs, der Andersdenkende respektiert, nach Institutionen, die der Begegnung dienen, nach einem historischen Gedächtnis, das nach Wahrheit und Versöhnung strebt, sowie nach einem gesellschaftlichen Leben, das in der Lage ist, soziale Freundschaft und gegenseitigen Respekt auch bei Meinungsverschiedenheiten aufrechtzuerhalten.
Auf internationaler Ebene erfordert Frieden diplomatischen Mut, ethische Verantwortung und eine Zukunftsvision, die auf der Achtung der Identität jedes Volkes und der Verpflichtung der Staaten beruht, ihre Streitigkeiten auf den friedlichen Wegen zu lösen, die das Völkerrecht bietet. Jeder Krieg ist letztlich eine schmerzhafte Niederlage für die Fähigkeit zu verhandeln… Waffen mögen vorübergehend für Ruhe sorgen, doch sie werden niemals einen echten und dauerhaften Frieden schaffen können.
Darum ist es besorgniserregend, dass sich an verschiedenen Orten der Welt, auch in Europa, die Aufrüstung erneut als fast unvermeidliche Antwort auf die Instabilität der internationalen Lage darstellt. Wahre Sicherheit hingegen entspringt der Gerechtigkeit, dem geduldigen Dialog, der Achtung des Völkerrechts und einer Politik, die in der Lage ist, das Leben der Völker über die Interessen zu stellen, die vom Krieg profitieren. Auch die Entwicklung neuer Technologien und künstlicher Intelligenz im militärischen Bereich erfordert eine strenge ethische Kontrolle, damit Entscheidungen über Leben und Tod niemals auf automatisierte Systeme abgewälzt oder der moralischen Verantwortung des Menschen entzogen werden.
Die internationale Gemeinschaft ist gefordert, den unschätzbaren Wert des Dialogs als geduldigen Weg zu gerechten und dauerhaften Vereinbarungen wiederzuentdecken, die auf der Einhaltung von Verträgen, der Transparenz diplomatischer Maßnahmen und dem aufrichtigen Willen beruhen, den Frieden der Anwendung von Gewalt vorzuziehen. Daraus entstehen Vertrauen und Hoffnung.
Politische Vielfalt sollte nicht in eine permanente Abwertung des Gegners ausarten. Wie das Motto der Europäischen Union besagt, bedeutet wahre Einheit nicht Gleichförmigkeit, sondern Zusammenhalt in der Vielfalt, wobei Kulturen, Mentalitäten und Traditionen zu einer Quelle gegenseitiger Bereicherung werden…
Doch Friede ist nicht nur eine politische oder institutionelle Angelegenheit. Er entsteht auch im Gewissen, dort, wo Groll, Gleichgültigkeit und Hass der Versöhnung weichen. Deshalb wird Friede auch durch Sprache gestiftet und bewahrt. Worte können Wege eröffnen oder versperren; sie können die Wirklichkeit erhellen oder sie so verzerren, dass eine Begegnung unmöglich wird. Wer öffentliche Verantwortung trägt, hat daher eine besondere Verpflichtung, mit Worten achtsam umzugehen, um „die Sprache zu entwaffnen“. Bestimmtheit erfordert keine Verachtung; Meinungsverschiedenheit muss nicht mit Demütigung einhergehen…“
So weit Papst Leo. Mögen seine Worte Gehör finden. Und möge auch die evangelische Kirche endlich gegen Krieg und Aufrüstung Position beziehen.
Doris:
Wir werden jetzt wieder einige Minuten schweigen. Wir denken an die Opfer der Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten, und an die Opfer der Kriege in anderen Ländern, die oft vergessen werden. An die Menschen, die im Krieg verletzt wurden an Leib und Seele. An alle, die ihr Leben verloren haben, seien es Soldaten oder Zivilisten. An alle, die ihre Heimat verlassen mussten und auf der Flucht sind. An die geschundene Natur, an die zerstörte Kultur. An alle, die sich gegen den Krieg einsetzen. Mögen die Politiker auf allen Seiten endlich zur Vernunft kommen und eine weitere Eskalation verhindern.
Doris:
Ich lese aus einem Gedicht von Günter Eich:
Darum schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind!
Seid misstrauisch gegen ihre Macht, die sie vorgeben für Euch erwerben zu müssen!
Wacht darüber, dass eure Herzen nicht leer sind, wenn mit der Leere eurer Herzen gerechnet wird!
Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet!
Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!
Doris:
Ich möchte noch folgendes ansagen, bevor wir unsere Mahnwache beenden:
- Am Sonntag, den 14. Juni, findet zum 2. Mal der sogenannte „Nationale Veteranentag“ statt. In zahlreichen Städten gibt es dazu Gegenveranstaltungen. Die nächstgelegene ist um 15.00 Uhr in Filderstadt auf Initiative der DFG-VK.
- Am Dienstag, den 16. Juni um 19.00 Uhr kommt der in Polen lebende Journalist Reinhard Lauterbach zu einem Vortrag in die Glockenkelter nach Stetten. Das Thema lautet: „(K)Ein Wunder an der Front? – Gewinnt die Ukraine den Drohnenkrieg mit Russland?»
- Am Mittwoch, 17. Juni folgt, ebenfalls von Reinhard Lauterbach in Stetten, ein historischer Rückblick mit dem Titel: „ Juni 1941 – der verdrängte Jahrestag“. Anlass ist der 85. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. Als der Krieg im Mai 1945 nach knapp 4 Jahren mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands endete, war die Sowjetunion ein verwüstetes Land und hatte 27 Millionen Tote zu beklagen, davon 14 Millionen Zivilisten. Auf deutscher Seite starben knapp vier Millionen Wehrmachtssoldaten.
- Bei der Plattform OpenPetition gibt es eine Petition mit der Forderung: „Es ist fünf nach 12 für Palästinas Christen! Unsere Kirchen müssen endlich aufwachen!“ Die Petition kann hier unterzeichnet werden.
- Die Petition „Frieden in den Lehrplan“ von Pro Peace, die sich für Friedensbildung an den Schulen einsetzt, habe ich heute nochmals zum Unterschreiben dabei.
- Der „Peacewalk“ nach Jerusalem führt am 19.06. von Remshalden über Schorndorf nach Plüderhausen. Unsere nächste Mahnwache heute in einer Woche möchten wir gemeinsam mit den Pilgern abhalten und anschließend im CVJM-Haus zusammenkommen. Am 20.06. geht der Pilgerweg von Plüderhausen dann weiter nach Schwäbisch Gmünd. Wir werden erst sehr kurzfristig erfahren, wie viele Peacewalker unsere Gäste sein werden. Wer noch mit einer Übernachtungsmöglichkeit, einer Essensspende oder einem Fahrdienst von Plüderhausen nach Schorndorf mithelfen möchte, möge sich bei uns melden. Wir werden anrufen, wenn Bedarf besteht. Ein besonderes Erlebnis ist es sicherlich, eine Strecke oder eine Teilstrecke mit unterwegs zu sein.