Mahnwache vom 15.05.2026

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Bild von Gerd Altmann auf pixabay

Gisela:
Interview von Stefan Seidel (Psychologe, Theologe, Autor) zu seinem Buch „Entfeindet Euch – Auswege aus der Spaltung und Gewalt“. In Publik Forum Thema „Frieden“ Januar 2026.

Die zentrale Aussage von Stefan Seidel in seinem Buch ist: Wir sind dabei uns aktiv zu verfeinden:
Vergröberte Zuschreibungen, Analysen, Polarisierungen, feste Feindbilder werden aufgebaut und Gefolgschaft eingefordert. Der Feind wird markiert, man ist fixiert auf ihn und setzt auf dessen  Niederschlagung  im Kampf – also auf die größeren eigenen Tötungskapazitäten. Er nennt das eine  Verfeindungslogik, die anfangs unbemerkt und im Lauf der Zeit immer zwingender wird und immer umfassender in die Köpfe eindringt…

Auf die Frage: Gibt es so etwas wie einen „Gerechten Krieg“? (Selbstverteidigung , Hilfeleistung, Fälle in denen Krieg als gebotene Hilfe erscheint) sagt Seidel: Es ist einfach ein illusionäres Konzept, Kriterien für einen gerechten Krieg zu formulieren, also Kriterien die den Krieg als ethisch und politisch legitimiert erscheinen lassen. Es wird dabei übersehen, dass jede Kriegsseite in ihrem jeweiligen Narrativ das Geschehen als Selbstverteidigung und als moralisches Gebot der Stunde etikettiert. Diese jeweiligen Narrative prallen dann in einem Kriegsgeschehen aufeinander. (Hier erwähnt Seidel: es spricht vieles dafür, den Begriff der Selbstverteidigung zu weiten und nicht nur auf eine bestimmte Gruppe oder Nation zu beziehen, sondern auf größere Zugehörigkeiten, letztlich auf uns als Menschheitsgemeinschaft.)

Lässt man sich in Feindschaftsspiralen hineinziehen, handelt man spiegelbildlich und ist am Ende selbst verstrickt in maximaler Verfeindung und dem Glauben an die Alternativlosigkeit des Militärischen. Die Verfeindung und der Glaube ans Militärische werden hochgefahren. Der Gegenüber wird immer stärker dämonisiert und entmenschlicht, bis er am Ende nur noch als das „Große Böse“ erscheint, das nur noch mit martialischer Gewalt und maximaler Härte (Militär/ Krieg) niedergerungen werden kann. (Bezug auf die zwei letzten Weltkriege, die von Deutschland ausgingen.)

Laut Seidel gibt es in der Feindbildforschung fünf Eskalationsstufen. Seiner Meinung nach ist Deutschland z.Zt. in der 5. Stufe angekommen. Er verdeutlicht die Gefahr, dass die militärische Logik absolut gesetzt wird und dann wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung ihren Lauf nimmt. In diesem Prozess wird genau jenes Feld verengt, das Alternativen böte.

Alternativen zu diesem derzeitigen Prozess der „Verfeindung“ sieht Stefan Seidel:

  1. In dem großen Wissen der Konfliktforschung und der Erfahrung mit friedlichen Konflikttransformationen.
  2. Schaffung von internationalen Bündnissen wie z.B. der UNO und der EU (nach dem 2. Weltkrieg). Damit wurden ehemalige Erzfeinde versöhnt und in gemeinsamen Bündnissen miteinander verbunden. In diesem historischen Prozess nach dem 2. Weltkrieg hat eine enorme Entwicklung stattgefunden. In diesem Prozess eingeschlossen war:
    – aktives Verlernen von Feindbildern,
    – Interesse für die Kultur des Anderen,
    – Wertschätzung von Vielfalt,
    – Vorrang gewaltfreier Wege des Konfliktaustragens

In dieser Zeit gelangen auch Rüstungsbegrenzungsvereinbarungen, Atomwaffensperrvertrag…..
Diese Zeit und ihre Entwicklungen nennt Seidel eine ganz große Erfolgsgeschichte! Diese Erfolgsgeschichte ist seiner Meinung nach nicht einfach weg. Aber man muss sie wieder sichtbar machen in ihrer exemplarischen Bedeutung.

In der aktuellen Situation würde das heißen, sich quasi „outside of the Box“ zu positionieren und das heißt:
– Alle Register der Kriegsverhinderung zu ziehen,
– auf allen Kanälen auf einen anderen Ausgang der Situation hinzuwirken und das heißt:
– Vermittlung, Verständigung, Diplomatie,
– Suche nach Ausgleich, Suche nach Verbindungsfäden,
– Suche nach Gewaltminderung.

Denn, so Stefan Seidel: „Wie der Krieg in den Köpfen beginnt, kann auch der Frieden in den Köpfen beginnen.“

Doris:
Wir werden jetzt wieder einige Minuten schweigen. Wir denken an die Opfer der Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten, und an die Opfer der Kriege in anderen Ländern, die oft vergessen werden. An die Menschen, die im Krieg verletzt wurden an Leib und Seele. An alle, die ihr Leben verloren haben, seien es Soldaten oder Zivilisten. An alle, die ihre Heimat verlassen mussten und auf der Flucht sind. An die geschundene Natur, an die zerstörte Kultur. An alle, die sich gegen den Krieg einsetzen. Mögen die Politiker auf allen Seiten endlich zur Vernunft kommen und eine weitere Eskalation verhindern.

Doris:
Ich lese ein Zitat des Schriftstellers Wolfgang Koeppen aus dem Jahr 1948:
„Was wäre geschehen, wenn Deutschland, das alte Deutschland, den Befehlen seines Molochführers nicht gefolgt wäre, wenn es aus Einsicht, Klugheit, Charakterstärke und Christlichkeit den Parolen des Krieges und der Unmenschlichkeit standhaften Ungehorsam entgegengesetzt hätte?… Bedenkt: Die Städte würden dastehen in alter Pracht, die Gefallenen würden leben, die Krüppel würden gehen und der Hunger wäre nicht in den Augen der Kinder. Wenn ihr Nein gesagt, wenn ihr nicht eure Leiber, eure Kinder, eure Liebsten, eure Arme und euren Fleiß dem Unheil ausgeliefert hättet…“

Doris:
Ich möchte noch folgendes ansagen, bevor wir unsere Mahnwache beenden:

  • Heute vor einer Woche am 8. Mai gingen beim „Schulstreik gegen die Bundeswehr“ ca. 45 000 Schülerinnen und Schüler auf die Straße. Die Organisatoren teilten mit, dass als nächster Schritt vom 15. bis zum 21. Juni eine Aktionswoche gegen den „Veteranentag“ geplant ist. Der „Veteranentag“ wurde 2024 vom Bundestag beschlossen und hat zum Ziel, „Anerkennung und Respekt für alle aktiven sowie ehrenhaft ausgeschiedenen Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr“.
  • Heute am 15. Mai ist der „Internationale Tag der Kriegsdienstverweigerung“. In Stuttgart fand dazu um 16.00 Uhr beim Hotel Silber eine Kundgebung statt. Die DFG-VK koordiniert deutschlandweit die Aktionen. Ich lese aus dem Aufruf: „Zum internationalen Tag der Kriegsdienstverweigerung rund um den 15. Mai 2026 rufen wir zum Protest gegen den „neuen Wehrdienst“ und alle Kriegsdienste in Deutschland und weltweit auf! Wir wollen nicht zum Töten anderer Menschen ausgebildet werden. Wir wollen keine Zwangsdienste. Die Verfolgung von Menschen, die keine Waffe in die Hand nehmen wollen, muss aufhören – insbesondere in Kriegsgebieten. Kriegsdienstverweigerung ist Menschenrecht! Wer dennoch verfolgt wird, muss Schutz und Asyl erhalten. Für eine Welt, in der alle Menschen sicher und in Frieden leben können!“
  • Am Donnerstag, den 21.05.26  findet auf Einladung der Ökumenischen Friedensgruppe der Stadtkirchengemeinde Schorndorf um 19.00 Uhr im Martin-Luther-Haus eine Veranstaltung mit Sumaja Farhat-Naser, Friedenspädagogin aus Palästina, statt. Das Thema lautet: „Palästina zwischen Schweigen und Schmerz – trotz allem Hoffnung wagen“. Sumaja Farhat-Naser wird über die Lage im Westjordanland berichten, wo Menschen wie nie zuvor um ihr Dasein und Überleben bangen. Es finden permanent Überfälle von Siedlern statt, die vom Militär unterstützt und beschützt werden. Das Israelische Parlament hat das ganze Westbank-Land als ausschließlich jüdischen Besitz erklärt. Frau Farhat-Naser wird auch über ihre Arbeit im Bereich der Friedenserziehung mit Frauen und Jugendlichen sprechen und ihr Bemühen, Mensch zu bleiben, Glauben und Hoffnung zu behalten.
  • Das Netzwerk Friedenskooperative ruft mit zahlreichen Partnerorganisationen für Samstag, den 30. Mai 2026 zu einer Demonstration in Wiesbaden gegen die Stationierung von Mittelstreckenwaffen in Deutschland und Europa auf. US- Präsident Trump hat zwar verkündet, nun doch keine Raketen und Marschflugkörper in Deutschland aufstellen zu wollen. Man weiß jedoch nicht, ob er bei dieser Aussage bleiben wird. Gleichzeitig erschienen sofort Rufe aus der deutschen und europäischen Politik, nun möglichst schnell in eigener Regie Mittelstreckenwaffen zu entwickeln und aufzustellen. Daher ist die Demonstration und weiterer Widerstand gegen diese Waffen nach wie vor wichtig.
  • Noch bis zum 22.05. tagt in New York die 11. Überprüfungskonferenz zum „Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen“ (Atomwaffensperrvertrag). Ich finde es wichtig, dass wir die Konferenz mit guten Gedanken begleiten.
  • Nächstes Jahr im März wird eine der größten Rüstungsmessen der Welt nach Hannover kommen. Dort soll u.a. auch für Atomwaffen und völkerrechtlich geächtete Streumunition Werbung gemacht werden. Es ist wichtig, jetzt schon Widerspruch dagegen zu äußern. Dazu gibt es Faltblätter mit einem Abschnitt, der als Protest nach Hannover geschickt werden kann. Sie liegen heute nochmals in der Mitte aus.
  • Unsere nächste Mahnwache ist heute in einer Woche, am Freitag den 22.05. um 18.00 Uhr wieder hier auf dem Marktplatz.

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