Bild: privat
Martin:
Guten Abend, ich begrüße Sie und Euch zu unserer Mahnwache gegen den Krieg und für den Frieden. Schön, dass Ihr gekommen seid.
Ich möchte heute zwei Aktionen vorstellen, bei denen Ihr Euch beteiligen und Hoffnung schöpfen könnt. Im Kern geht es beides Mal um den eigenen und den gesellschaftlichen Mindset. Das ist die innere Einstellung, die allem Denken und Handeln zugrunde liegt. Krieg und Frieden, beide beginnen in Köpfen und Herzen.
Bei der Rüstungslobby und denen, die dadurch profitieren, herrscht in der Tiefe die Angst. Einerseits die „Friedensangst“, da durch Frieden ihre Gewinne schwinden, andererseits die künstlich durch Lügen erzeugte „Bedrohungsangst“, die die meisten Politiker*innen, Journalist*innen, Kirchenleute und durch sie den Großteil der Bevölkerung erfasst hat. Auf dem Nährboden der Angst wachsen Trennung, Ablehnung, Hass, Feindschaft, Rache, Krieg. Die Folgen brauche ich hier nicht auszuführen. Derzeit wüten weltweit mehrere Dutzend Kriege und gewaltsame Konflikte.
Der Mindset der beiden Aktionen, von denen ich sprechen will, zeigt sich durch Empathie, Verständigung, Zuneigung, Freundschaft, Vergebung, Versöhnung, Hoffen auf Frieden. Bei dem einen Mindset ist die Basis die Angst, – die Basis des anderen Mindsets könnte man, wenn der Begriff nicht so oft missbraucht würde, Liebe nennen. Der wichtigste Begriff für die Macht, die wir Christen als Gott bezeichnen.
Für beide Aktionen ist Europa von größter Bedeutung. Das ließe sich auch historisch sehr gut begründen.
Seit Januar sind Menschen unterwegs durch Europa nach Jerusalem, der Stadt des Friedens für Juden, Christen und Muslime: Peacewalk 2026. In Internet leicht zu finden unter www.peacewalk.info. Von unterschiedlichen Ausgangsorten aus werden sich die Routen im Oktober in Sarajevo vereinen. Im Laufe der Zeit sollen möglichst viele Menschen von dieser Hoffnung auf Frieden angesteckt werden, durch gedankliche Verbindung aus der Ferne und natürlich auch durch Mitgehen, – eine Stunde, einen Tag, eine längere Strecke.
Die Route, die für uns besonders interessant ist, ging am 25.April in Amsterdam los und kommt am 19. Juni durch Schorndorf. Wir werden noch ausführlicher darüber berichten. Doch jetzt geht es darum, die Begrüßung und Begleitung bei uns zu organisieren. Grunbach und Plüderhausen sind die Stationen, zu denen wir noch dringend Kontakte suchen. Bitte meldet Euch, wenn Ihr Ideen für Quartiere, Verpflegung, Aktionen habt, oder Leute kennt, die andere kennen, die helfen könnten. Natürlich auch für Schorndorf. Beide Ankunfts- und Start-Orte, Grunbach und Plüderhausen sind sehr nahe bei uns, und wir werden sicher Teilnehmer*innen auch bei uns zu Gast haben und von ihren Erfahrungen berührt werden.
Während sich die eine Aktion über eineinhalb Jahre hinstreckt, geht es bei der anderen um eine „geballte Ladung“ friedensstiftender Energie in ganz Europa, und zwar morgen, 09.Mai, um 17 Uhr.
Vor genau einem Jahr haben wir uns schon einmal daran beteiligt: das European Peace Project (EPP) ist unter diesem Namen im Internet sehr leicht zu finden. An unzähligen Orten, in vielen europäischen Sprachen wird das Friedens-Manifest verlesen: auf privaten Balkonen, bei gemeinschaftlichen Aktionen, begleitet von Musik oder Kunstprojekten, und auch – bitte merken und möglichst teilnehmen! – hier vor dem Schorndorfer Rathaus, morgen um 17 Uhr.
Dieses Manifest möchte ich jetzt schon vorlesen.
European Peace Project 2026 – Manifest
Heute, am 9. Mai 2026 – mehr als 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa, der 60 Millionen Menschen das Leben kostete, darunter 27 Millionen Sowjetbürgern, erheben wir, die Bürgerinnen und Bürger Europas, erneut unsere Stimmen! Wir verfolgen mit Sorge, dass die meisten europäischen Regierungen und die EU seit unserer Ausrufung im letzten Jahr den Weg der Diplomatie mit Russland zur Beendigung des NATO-Stellvertreterkrieges in der Ukraine immer noch nicht einschlagen wollen. Wir sind entsetzt, dass ein Krieg, der militärisch längst entschieden ist und der schon zu vielen Menschen auf beiden Seiten der Front das Leben gekostet hat, weiter verlängert wird, in dem wahnwitzigen Versuch, Russland zu „ruinieren“ oder Zeit für den augenblicklichen Poker um die Neuaufteilung der Welt zu schinden. Wir betrauern die größer werdenden Soldatengräber dieses sinnlosen Krieges in der Ukraine, der Europa heute zerfurcht, und erinnern laut: Europa muss einstehen für: Nie wieder Krieg!
Mit Fassungslosigkeit haben wir verfolgt, dass die EU, die sich stets ihrer Rechtsstaatlichkeit rühmt, ernsthaft die völkerrechtswidrige Konfiszierung russischer Vermögen in Europa erwogen hat. Wir sind alarmiert, dass die EU inzwischen unbescholtenen Bürgern, kritischen Buchautoren und Journalisten die Bürgerrechte entzieht, auf extra-legale Sanktionslisten setzt und damit Rechtsstaat und Meinungsfreiheit in Europa auf unerträgliche Weise schädigt! Wir schütteln den Kopf über unsere Regierungen, Parlamente und neuerdings Gerichte, die nunmehr offiziell, aber gegen jede Evidenz die Sprengung der North Stream Pipeline ukrainischen Tätern zurechnen, weil niemand in der Bundesregierung, in Deutschland oder anderen Ortens in Europa den Mumm hat, die USA als Drahtzieher dieses Terroranschlages zu benennen. Wir sind irritiert, dass der gesamte EU-Beamtenapparat, in Verbindung mit den EU-Mitgliedsstaaten es bisher nicht geschafft hat, der neuen US-Sicherheitsstrategie eine geeinte, tragfähige und zukunftsweisende europäische Antwort entgegenzusetzen. Schluss mit der Unterwürfigkeit der EU, sowie der europäischen Regierungen gegenüber den USA, welche internationales Recht in Venezuela oder Iran mit Füßen tritt und Europa verhöhnt. Die sogenannte westliche Weltordnung ist an ihren eigenen Doppelstandards zerbrochen. Wir brauchen ein neutrales, von den USA emanzipiertes Europa, das seine ureigenen Interessen formuliert und eine vermittelnde Rolle in einer multipolaren Welt einnimmt. Gemeinsam mit den BRICS-Staaten muss Europa das Völkerrecht und die UN-Charta stärken und eine Brücke zwischen Ost und West bilden!
Wir, die Bürger Europas, nehmen darum unsere Geschicke und unsere Geschichte selbst in die Hand. Wir haben mit portugiesischen Freunden eine European Citizens Conference for Peace ins Leben gerufen. Wir treten für eine neue Europäische Sicherheitsarchitektur mit Russland ein. Wir strecken den Bürgerinnen und Bürgern der Ukraine und Russlands die Hand aus. Ihr gehört zur europäischen Familie!
Wir, die Bürger Europas, erklären hiermit: Wir sind nicht im Krieg, weder mit Russland noch mit irgendjemandem sonst! Wir machen bei den zunehmend absurden Kriegsspielen nicht mit und wir werden jeden Tag mehr! Wir machen aus unseren Männern und Söhnen keine Soldaten, aus unseren Töchtern keine Schwestern im Lazarett und aus unseren Ländern keine Schlachtfelder. Wir werden nicht zusehen, wie unsere Zukunft und die unserer Kinder auf dem Altar der Machtpolitik geopfert werden und das schöne Europa sich selbst stranguliert!
Es lebe Europa, es lebe der Friede, es lebe die Freiheit
Soweit das EPP-Manifest. Es wurde schon vor einiger Zeit verfasst, damit es verbreitet und in möglichst viele europäische Sprachen übersetzt werden konnte. Wenn Ihr auf die Website geht werdet Ihr erstaunt sein, wie viele Sprachen und selbstständige Dialekte es gibt.
Daher gibt es noch das folgende
Supplement zu Iran für das Manifest 2026
Als Bürgerinnen und Bürger Europas äußern wir uns an diesem 9. Mai 2026 auch zum völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Israels und der USA auf den Iran von Anfang März, der sich derzeit zu einem Flächenbrand im Nahen Osten ausweitet: es macht uns fassungslos, mit welcher Willkür die USA und Israel inzwischen Kriege lostreten: grundlos, ohne akute Bedrohung und Anlass – wie das Pentagon selbst zugegeben hat – und mitten in Verhandlungen! Das Völkerrecht wird vor allem von dem Land, das sich rühmt, die „einzige Demokratie im Nahen Osten“ zu sein, mit Füßen getreten! Das war und ist schon bei Gaza so und jetzt wird dieser Schrecken auf den gesamten Nahen Osten ausgedehnt.
Ebenso fassungslos macht uns die Heuchlerei und die unbeschreibliche Doppelmoral der westlichen Presse, für die offenbar jedes von Israel oder den USA verübte Unrecht sakrosankt ist und sich der Kritik entzieht, ganz als ob Israel und die USA über dem Völkerrecht stünden.
Ganz offen spricht Bundeskanzler Friedrich Merz davon, dass das Völkerrecht für den Iran nicht gelte. Exil-Iraner, die de facto die Savak-Junta des ehemaligen Schahs sind, werden als iranische Freiheitskämpfer vor die Kameras gezerrt und man muss ausländische Sender verfolgen, um zu erfahren, dass es in Iran nur vordergründig um Demokratie oder Frauenrechte geht, sondern dass Reza Palavi den USA eine Trillion Dollar angeboten hat, wenn sie ihn als Regenten in Iran einsetzen. Wie erbärmlich, hierüber in Europa den Mantel des Schweigens zu ziehen! Wir, die Bürgerinnen und Bürger Europas, beklagen die fast totale Ideologisierung der meisten westlichen Medienanstalten, vor allen in Deutschland!
Als Bürgerinnen und Bürger Europas strecken wir allen im Iran, im arabischen Raum, in der Golfregion, die jetzt durch Krieg und Zerstörung getötet, verletzt oder sonst gebeutelt werden, die Hand aus und rufen ihnen allen zu: Wir arbeiten an einem anderen Europa! An einem Europa, das seine Selbstgerechtigkeit beendet. An einem Europa, welches das NATO Kriegsbündnis überwindet und den national-zionistischen Groß-Israel Bestrebungen einen Riegel vorschiebt. An einem Europa, das es wieder wert ist, dass in ihm die europäische Hymne von Beethovens 9. Sinfonie gesungen wird: Alle Menschen werden Brüder….
… und Schwestern, – möchte ich noch ergänzen.
Doris:
Wir werden jetzt wieder einige Minuten schweigen. Wir denken an die Opfer der Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten, und an die Opfer der Kriege in anderen Ländern, die oft vergessen werden. An die Menschen, die im Krieg verletzt wurden an Leib und Seele. An alle, die ihr Leben verloren haben, seien es Soldaten oder Zivilisten. An alle, die ihre Heimat verlassen mussten und auf der Flucht sind. An die geschundene Natur, an die zerstörte Kultur. An alle, die sich gegen den Krieg einsetzen. Mögen die Politiker auf allen Seiten endlich zur Vernunft kommen und eine weitere Eskalation verhindern.
Doris:
Ich lese ein Gedicht von Rose Ausländer:
Gemeinsam
Vergesst nicht, Freunde,
‹wir reisen gemeinsam,
besteigen Berge,
pflücken Himbeeren,
lassen uns tragen
von den vier Winden.
Vergesst nicht,
es ist unsre gemeinsame Welt,
die ungeteilte,
ach – die geteilte,
die uns aufblühen lässt,
die uns vernichtet.
Diese zerrissene ungeteilte Erde,
auf der wir
gemeinsam reisen.
Doris:
Ich möchte noch folgendes ansagen, bevor wir unsere Mahnwache beenden:
- Heute am 8. Mai gibt es nicht nur in 123 Städten den „Schulstreik gegen die Bundeswehr“, sondern es finden auch in zahlreichen Städten Kundgebungen und Kranzniederlegungen zum 81. Jahrestag der Befreiung statt.
- Ich war heute Mittag beim Schulstreik in Schwäbisch Gmünd. Ca. 30 Jugendliche und 10 Ältere waren zu einer Kundgebung und Demonstration zusammengekommen. Die Redebeiträge waren sehr gut und engagiert. Man kann jetzt sagen: Was sind schon 30 Jugendliche – es müssten viel mehr sein. Ich finde jedoch, es ist ein Anfang, und ich möchte die Hoffnung nicht aufgeben, dass eine große Bewegung daraus wird.
- Seit über einer Woche tagen die Mitglieder der Vereinten Nationen in New York. Während der 11. Überprüfungskonferenz zum „Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen“ diskutieren die Staaten über den Stand der weltweiten nuklearen Rüstungskontrolle. Auch ICAN ist mit einer Delegation vor Ort und hat ein gemeinsames Statement der europäischen Zivilgesellschaft vorgetragen. Ich finde es wichtig, dass wir die Konferenz mit guten Gedanken begleiten.
- Am Freitag, den 05. findet um 16.00 Uhr beim Hotel Silber in Stuttgart eine Kundgebung zum Tag der Kriegsdienstverweigerung 2026 statt. Veranstalter ist die DFG-VK Stuttgart.
- Am Donnerstag, den 21.05. findet auf Einladung der Ökumenischen Friedensgruppe der Stadtkirchengemeinde Schorndorf um 19.00 Uhr im Martin-Luther-Haus eine Veranstaltung mit Sumaja Farhat-Naser, Friedenspädagogin aus Palästina, statt. Das Thema lautet: „Palästina zwischen Schweigen und Schmerz – trotz allem Hoffnung wagen“.
- Nächstes Jahr im März wird eine der größten Rüstungsmessen der Welt nach Hannover kommen. Dort soll u.a. auch für Atomwaffen und völkerrechtlich geächtete Streumunition Werbung gemacht werden. Ausgerechnet in Hannover, einer Majors-for-Peace-Stadt und Kontaktstelle für alle Majors-for-Peace-Städte in ganz Deutschland. Es ist wichtig, jetzt schon Widerspruch dagegen zu äußern. Dazu gibt es Faltblätter mit einem Abschnitt, der als Protest nach Hannover geschickt werden kann. Sie liegen in der Mitte aus.
- Unsere nächste Mahnwache ist heute in einer Woche, am Freitag den 15.05. um 18.00 Uhr wieder hier auf dem Marktplatz.





