Mahnwache am 06.11.2026

Posted by

Bild: Friedensdekade 

Doris:
Guten Abend. Ich begrüße Sie und euch im Namen der Friedensinitiative Schorndorf zu unserer Mahnwache gegen den Krieg und für den Frieden. Vielen Dank allen, die gekommen sind.

Vom 8. – 18. November findet die diesjährige Ökumenische Friedensdekade statt. Daher möchte ich mich heute mit der Rolle der Kirchen beim Thema Krieg und Frieden beschäftigen.

Auf der katholischen Seite haben Papst Franziskus und Papst Leo immer wieder deutliche Worte gegen den Krieg gefunden, welche freilich von der katholischen Basis oft nicht unterstützt werden.

Die evangelische Kirche hüllte sich lange in Schweigen, und wir haben immer wieder gefordert, dass sie endlich ihr Schweigen brechen möge. Dies ist dann im November 2025 geschehen mit der sogenannten Friedensdenkschrift unter dem Titel «Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick». Allerdings hat die EKD ihr Schweigen aus unserer Sicht in die falsche Richtung gebrochen. Statt einer eindringlichen Mahnung zum Frieden machte sich die EKD die Position unserer Politiker zu eigen und hält sogar den Besitz von Atomwaffen für „sicherheitspolitisch notwendig“. Pazifismus ist laut EKD eine rein private Haltung. Pazifisten lehnen Gewalt ab, verhalten sich passiv und würden sich notfalls töten lassen. Dies müsse man respektieren.  Die meisten Christen jedoch würden sogenannte „rechtserhaltende Gewalt“ akzeptieren und angegriffenen Staaten wie der Ukraine mit Waffen helfen. Eine Auseinandersetzung mit dem biblischen Friedensgebot sowie mit den Ursachen der gegenwärtigen Kriege findet nicht statt. Ebenso wenig wie mit den Gefahren und Folgen der enormen Aufrüstung.

Gut, dass sich schon bald nach dem Erscheinen der Denkschrift umfangreicher Widerstand regte vonseiten kritischer Theolog*innen und vieler kirchennaher Gruppierungen. Es gibt schon mehrere Bücher dazu. Aber auch von nicht-kirchlicher Seite wie z.B. der Ärzteorganisation IPPNW gibt es eine sehr kritische Stellungnahme mit dem Titel: „Massenvernichtungswaffen im Namen der Kirche?“ (sie liegt in der Mitte aus). Darin heißt es, Die EKD dürfe nicht den völkerrechtswidrigen Besitz von Atomwaffen rechtfertigen, sondern müsse von den politischen Entscheidungsträgern aktiv deren Ächtung und Abzug aus Deutschland fordern, sowie einen Beitritt zum Atomwaffenverbotsvertrag und den Einsatz für einen Folgevertrag für den New START- Vertrag, so IPPNW. – Gut vielleicht auch, dass nur sehr wenige Menschen überhaupt von der EKD-Denkschrift wissen…

Noch weniger bekannt, weil zunächst geheim gehalten, ist ein weiteres Papier, das die EKD und die Deutsche Bischofskonferenz schon im September 2025 gemeinsam beschlossen haben. Es hat den Titel: „Ökumenisches Rahmenkonzept: Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall“.
Es ist Teil des „Operationsplans Deutschland“ der die militärisch-zivile Zusammenarbeit regelt, also die Einbindung der Behörden und des Gesundheitswesens in die Kriegsvorbereitungen.  Nun treffen also auch die Kirchen konkrete Vorbereitungen für die „Aufgabenfelder“, die im Krieg auf sie zukommen, nämlich Seelsorge an Zivilisten, Einsatzpersonen, Kriegsgefangenen, Wachpersonal, den Angehörigen der Gefallenen und die Überbringung von Todesnachrichten an die Angehörigen. Dazu kommt das Gebet „für die Gemeinschaft und die Soldatinnen und Soldaten“. Und die Begräbnisse der Gefallenen, für die bereits Liturgien vorliegen. Man bekommt eine Gänsehaut, wenn man die Details liest.

Mit dem Begriff „Kriegsvorbereitung“ meine ich nicht, dass irgendjemand den Krieg konkret will, aber dass nichts getan wird, um ihn zu verhindern. Grenzenlose Aufrüstung scheint die einzige Möglichkeit zu sein, auf die alle setzen, auch die Kirchen. Die Kirche erinnert oft an Dietrich Bonhoeffer und feiert ihn als christlichen Märtyrer. Wenn sie ihn doch endlich ernst nähme als Widerstandskämpfer, der eindringlich vor dem Krieg warnte! 1933 sagte er: „Es genügt nicht, die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern jetzt ist es notwendig, dem Rad in die Speichen zu fallen“. Genau das wäre aus meiner Sicht die Aufgabe der Kirche. Also ein klares Nein zu Aufrüstung und Krieg, ein Aufruf zur Kriegsdienstverweigerung, ein sichtbarer Einsatz für Verständigung, Deeskalation, Versöhnung.

Gut, dass die katholische Friedensorganisation Pax Christi auf das beschriebene Arbeitspapier der Kirchen reagiert hat. Sie hat eine Petition gestartet mit dem Titel: „Seelsorge bleibt zivil – Nein zur Militarisierung kirchlicher und diakonischer Dienste!“ Man kann diese Petition online hier unterschreiben oder auf einer Unterschriftenliste, die in der Mitte ausliegt.
Der Text für die Unterschrift lautet: Ich halte alle Maßnahmen und Vorkehrungen für gefährlich, die Kriegsführung als bewältigbare Handlungsoption vernünftiger Politik in den Blick nehmen und als solche vorbereiten. Ich fordere eine öffentliche und politische Diskussion sowie die Durchführung kirchlicher Versammlungen zur Diskussion des „Rahmenkonzepts Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall“. Ich befürworte und unterstütze dasjenige kirchliche Engagement, das den Frieden stärkt, der Prävention von Kriegen dient und sich für das Training aktiv gewaltfreier Verteidigung einsetzt. 

Außerdem lädt Pax Christi am Sonntag, 8. November 2026, am Rande der EKD-Synode in Würzburg zu einer Mahnwache ein. Es geht um den Protest gegen den «Geistlichen Operationsplan Deutschland». Gegen die Unterwerfung von Kirche, Diakonie und Seelsorge unter die militärische Logik.

Zurück zur diesjährigen Ökumenischen Friedensdekade und somit zu einer eher positiven Nachricht. War das Motto der Friedensdekade in den letzten Jahren oft eher unverbindlich und wenig konkret, so lautet es in diesem Jahr: „couragiert widerständig“. Ich habe nachgesehen, wer die Mitwirkenden im „Gesprächsforum Ökumenische Friedensdekade“ sind. Neben Gruppierungen wie dem Versöhnungsbund, Pax Christi usw. gehören tatsächlich auch die EKD und die Evangelische Landeskirche in Württemberg dazu. Ihnen hätte ich ehrlich gesagt ein solches Motto nicht zugetraut.

Ich lese einige Sätze aus dem Eingangsstatement von Regionalbischöfin Dr. Friederike Spengler: „Wer sich dem Pazifismus verbunden fühlt, ihn zu vertreten sucht und hochhält, kennt den Gegenwind der Argumente: Wer so denke, der lege nur die Hände in den Schoß und würde zuschauen, wie in den Kriegen dieser Welt Menschen ermordet werden. Aber jetzt bräuchte es kein Zaudern, sondern ein: Armeen aller Länder, haut endlich drauf! Mich fordert das zum Widerspruch heraus: Denn, wer Pazifismus vertritt, buchstabiert „Frieden“ als Verb, als Tun-Wort: mit gewaltlosen Mitteln zu Einigungen zu gelangen, Konflikte zur Ruhe zu bringen, den Blick vom Eigenen auf das Gemeinsame zu lenken, die Friedensbilder der Bibel hoch- und die Sehnsucht nach Frieden wachzuhalten. Das sind alles höchst aktive Dinge… Das Motto „couragiert widerständig“ fordert alle heraus, sich für gewaltlose Wege zu engagieren. Es fordert zur Zivilcourage auf, zur wohl schönsten Form des Widerstands. Es fordert auf, der Logik der Sicherheit, der Sprache der Gewalt zu widerstehen. Es fordert dazu auf, uns immer wieder vom Friedenszeugnis Jesu aufrütteln, verunsichern, hinterfragen – aber auch orientieren, bestärken, befrieden zu lassen. Pacere: mit Wort und Tat Frieden in die Welt zu bringen. Dazu will ich das Meine beitragen…“

Ich habe bei den Informationen zu Friederike Spengler entdeckt, dass auch sie zu den aktiven Kritiker*innen der EKD- Friedensdenkschrift gehört. Dass sie Texte geschrieben hat zu den Themen „Der Verweigerung die Hand reichen“, „Eine Kerze gegen Kriegspropaganda“, „Versöhnung statt Rache“, „Haltung zeigen im Alltag“ usw.

In der Zeitung zur Ökumenischen Friedensdekade finden wir u.a. Beispielgeschichten über couragiert widerständige Menschen. Z.B. Stanislaw Petrow, den russischen Oberstleutnand, der 1983 einen Fehler im Raketenfrühwarnsystem entdeckt und somit die Menschheit vor der atomaren Katastrophe bewahrt hat. Oder über die Aktivist*innen von „Ulm5“, die in eine Ulmer Rüstungsfirma eingedrungen sind, welche von der völkerrechtswidrigen israelischen Kriegsführung in Gaza profitiert. Oder über Yurii Sheliazhenko, einem ukrainischen Kriegsdienstverweigerer, der inhaftiert worden war.

Die diesjährige Friedensdekade könnte also durchaus ermutigen, ganz konkret „couragiert und widerständig“ zu sein. Ich füge dazu: Widerständig, wenn nötig, auch gegenüber der Kirche.

Heidrun:
Wir werden jetzt wieder einige Minuten schweigen. Wir denken an die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, an die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung. An die Menschen, die im Krieg verletzt wurden an Leib und Seele. An alle, die ihr Leben verloren haben, seien es Soldaten oder Zivilisten. An alle, die ihre Heimat verlassen mussten und auf der Flucht sind.
Wir denken an alle, die sich für den Frieden stark machen, in der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern. Und in der Hoffnung, dass ein friedensstiftendes Bewusstsein immer mehr Menschen erreicht.

Heidrun:
Ich lese ein Gedicht von Erich Fried:

Gründe
Weil das alles nicht hilft – Sie tun ja doch was sie wollen
Weil ich mir nicht nochmals die Finger verbrennen will
Weil man nur lachen wird: Auf dich haben sie gewartet
Und warum immer ich?  Keiner wird es mir danken
Weil da niemand mehr durchsieht
Sondern höchstens noch mehr kaputt geht

Weil jedes Schlechte vielleicht auch sein Gutes hat
Weil es Sache des Standpunktes ist
Und überhaupt wem soll man glauben?
Weil auch bei den anderen nur mit Wasser gekocht wird

Weil ich das lieber Berufeneren überlasse
Weil man nie weiß wie einem das schaden kann
Weil sich die Mühe nicht lohnt
Weil sie alle das gar nicht wert sind
 

Das sind TODESURSACHEN
Zu schreiben auf unsere Gräber
Die nicht mehr gegraben werden
Wenn das die Ursachen sind
Erich Fried (1921- 1988)

Heidrun:
Ich möchte euch noch ein paar Informationen mitgeben, bevor wir unsere Mahnwache beenden:

  • Es gibt einen Aufruf zur Unterstützung des 5. Schulstreiks am 20. November:
    Die Schulstreiks gegen Wehrpflicht erfahren bereits jetzt eine breite Unterstützung von Einzelpersonen und Organisationen. Um dies sichtbar zu machen, werden jetzt in verschiedenen Zusammenhängen Unterschriften unter einem kurzen Aufruf gesammelt. Das soll dann ab morgen/dem 08. November 2026 auf Webseiten und in Social-Media-Kanälen veröffentlicht werden.
    Dieser Aufruf hat folgenden Wortlaut: Wir unterstützen die Schulstreiks gegen Wehrpflicht. Gemeinsam mit den streikenden Schülerinnen und Schülern fordern wir von der Bundesregierung:
    Nein zur Wehrpflicht! Nein zu Zwangsdiensten!
    Sofortiger Stopp der Musterungen!
    Rücknahme des Wehrdienstmodernisierungsgesetzes!
    Ein Formular zur Unterstützung des Aufrufs gibt es hier online.
  • Beim Abrüstungsappell „Immer mehr Milliarden fürs Militär? Nicht mit mir!“ läuft jetzt am Sonntag die Frist zur Unterzeichnung ab. Seit Oktober 2025 wurden mehr als 18.000 Unterschriften gesammelt und die Initiative möchte gerne noch 20.000 erreichen. Der Appell mit Link ist schon seit letztem Jahr auf unserer homepage an der rechten Seitenleiste zu finden.
  • Zur Postkartenaktion an Außenminister Wadephul mit dem Thema: „101 Staaten unterstützen bereits das UN-Atomwaffenverbot – Deutschland darf nicht fehlen!“ liegen hier in der Mitte Postkarten zum Abschicken und Weiterverteilen aus.
  • Im Rahmen der Ökumenischen FriedensDekade 2026 findet am kommenden Sonntag, 08.11.26 um 9:30 Uhr in der Afrakirche in Urbach ein Ökumen. Gottesdienst für den Frieden mit Friedenspfarrer Stefan Schwarzer und Pfarrer Martin Saur statt, Adresse: Kirchgasse 2. Außerdem lädt die Kirchengemeinde von Montag, 9. November bis
    Freitag, 13. November 2026 jeweils von 19:00-19:30 Uhr zum Friedensgebet ein.
  • Am Sonntag, 15. November um 19:00 Uhr gibt es im Rahmen der „Stadtkirche am Abend“ einen Gottesdienst zum Thema „Selig sind, die Frieden stiften“ mit Musik von „Horn & Pipe“ und Wortbeiträgen von OB Bernd Hornikel und Pfarrerin Dorothee Eisrich. Die Ökumenische Friedensgruppe der Stadtkirchengemeinde wird mit einem Info-Tisch vertreten sein
  • Auf Einladung der Ökumenischen Friedensgruppe kommt am Mittwoch, 11. November Helga Baumgarten um 19.00 Uhr ins Martin-Luther-Haus und spricht zum Thema: „Siedlergewalt in der West Bank – was können wir tun?“ Sie lebt und lehrt an der arabischen Universität in Jerusalem und ist Autorin wichtiger Bücher über Palästina, Gaza, Hamas, West Bank u.a.
  • Wer sich morgen an der Banneraktion beteiligen kann, bitte im Anschluss bei Doris melden.
  • Unsere nächste Mahnwache ist heute in einer Woche, am Freitag den 13.11.26 um 18.00 Uhr wieder hier auf dem Marktplatz.
    Vielen Dank fürs Zuhören und Dabeisein. Kommt alle gut nach Hause.

Leave a Reply

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.