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Doris:
Guten Abend. Ich begrüße Sie und euch im Namen der Friedensinitiative Schorndorf zu unserer Mahnwache gegen den Krieg und für den Frieden. Vielen Dank allen, die gekommen sind.
In der vergangenen Woche fanden 3 wichtige Wahlen statt.
- In Serbien hat die basisdemokratisch aufgebaute Studentenliste mit gut 53 Prozent die absolute Mehrheit der Stimmen erreicht. Die Partei des seit 2012 autoritär regierenden Machthabers Aleksandar Vučić erhielt gut 39 Prozent der Stimmen. Die Wahlbeteiligung erreichte einen Rekordwert von 69 Prozent.
- Bei der Stichwahl in Brasilien hat der Amtsinhaber Lula da Silva mit knapp 52% der Stimmen gegen Flavio Bolsonaro gewonnen. Dieser hat sich inzwischen in die USA abgesetzt.
- Bei der Parlamentswahl in Israel hat Regierungschef Benjamin Netanjahu nun doch mehr Sitze bekommen als das Oppositionsbündnis unter Gadi Eisenkot, aber immerhin keine absolute Mehrheit. Die Regierungsbildung wird schwierig werden. Eine entscheidende Rolle könnte dabei den arabischen Listen zukommen, die so viele Parlamentssitze erreicht haben wie noch nie. Die Wahlbeteiligung war so hoch wie seit Jahrzehnten nicht.
Alle 3 Wahlergebnisse sind kein Grund zum Jubel, aber vielleicht eine winzige Hoffnung: Haben sie doch gezeigt, dass die Menschen ihr Wahlrecht in Anspruch nehmen und dass autoritäre Herrscher nicht einfach „durchregieren“ können.
Ein anderes Thema, das ein wenig Hoffnung machen kann: Die Zahl der Anträge auf Kriegsdienstverweigerung ist in diesem Jahr stark angestiegen. Von Januar bis August sind insgesamt 12 102 entsprechende Gesuche eingegangen, obwohl es ja – noch – keine Wehrpflicht gibt. Damit liegt die Zahl der Anträge schon jetzt dreimal höher als im gesamten vergangenen Jahr. Bis Ende Juni 2026 hatte das Bundesamt den Eingang von 5.862 Anträgen gemeldet. Innerhalb von nur zwei Monaten hat sich seitdem die Zahl also verdoppelt. In 2025 gab es lediglich 3879 Anträge, 2024 waren es 2249.
Am 25.09. fand der 4. bundesweite Schulstreik gegen die Wehrpflicht statt, und am 20.11. wird der 5. sein. Die Organisatoren werben mit kreativen Aktionen und mit Informationen für eine Beteiligung. So wurde z.B. bekannt gemacht, dass die für Juli 2027 geplante verpflichtende Musterung auf September 2026 vorverlegt wurde. Auch für solche junge Männer, die im Fragebogen kein Interesse an einem Dienst bei der Bundeswehr angegeben hatten. Hoffen wir auf viele Aktionen am 20.11.
Am 2.10. fand in Berlin die deutschlandweit erste Konzertkundgebung gegen die Wehrpflicht mit 20 000 überwiegend sehr jungen Menschen statt. Auf bunten Transparenten forderten die Protestierenden Investitionen in Gesundheit, Bildung und den Sozialstaat anstatt Milliarden für das Militär. Neben den jungen Menschen waren auch erfahrene Redner wie der bekannte Rüstungskritiker Jürgen Grässlin beteiligt. Friedensorganisationen wie die DFG-VK, IPPNW, Netzwerk Friedenskooperative und Ohne Rüstung Leben, sowie Gewerkschaften und Umweltorganisationen haben mit zu der Veranstaltung aufgerufen. Fazit: „Die jungen Menschen in diesem Land wollen keine Generation Wehrpflicht sein. Sie wollen nicht zum Töten ausgebildet werden.“
Bei der SWR Hitparade kam das Lied „Nein, meine Söhne geb´ ich nicht“ von Reinhard Mey auf Platz 8. Im vergangenen Jahr war es Platz 12. Das Thema Kriegsdienst und was es bedeutet, scheint bei den Menschen angekommen zu sein.
Zum Thema Kriegsdienstverweigerung möchte ich nun noch einige Abschnitte aus einer Rede des Politikwissenschaftlers Christoph Butterwegge vorlesen. Überschrift:
Warum ich auch heute den Kriegsdienst verweigern würde.
Seit einiger Zeit ist es in manchen grün-alternativen und linksliberalen Kreisen geradezu schick, sich als früheren Kriegsdienstverweigerer zu outen, der – mittlerweile geläutert – aufgrund des Ukraine-Krieges und der prekären Sicherheitslage, heute als junger Mann zur Bundeswehr gehen würde, um Deutschland gegen einen möglichen Angriff Russlands zu verteidigen. Die Schar der prominenten Seitenwechsler reicht von dem Grünen-Politiker Robert Habeck über Campino, Sänger der »Toten Hosen«, bis zu den beiden Journalisten Stephan Anpalagan und Artur Weigandt, die sogar Bücher über ihre »persönliche Zeitenwende« geschrieben haben. Ganz so weit geht Wolfgang Niedecken, Sänger der Kölschrock-Band »BAP« zwar nicht, aber auch er schwört inzwischen öffentlich dem Pazifismus ab, der ihn als jungen Mann veranlasst hatte, den Kriegsdienst zu verweigern und Zivildienst zu leisten.
Warum reihe ich mich nicht in diesen illustren Kreis von Ex-Kriegsdienstgegnern ein, sondern halte meine frühere Entscheidung, nicht zur Bundeswehr zu gehen, heute für noch wichtiger als damals?
Hauptsächlich deshalb, weil Rüstungswahn und Kriegsgefahr heute noch ausgeprägter sind als zu jener Zeit, als ich den entsprechenden Antrag stellte. Verteidigungsminister Boris Pistorius will Deutschland „kriegstüchtig“ machen, und immer dann, wenn das gelungen war, gab es einen Angriffskrieg – wie 1870, 1914 und 1939. Von der Regierung Merz/Klingbeil auf den Weg gebracht, wird das größte Aufrüstungsprogramm in der Geschichte der Bundesrepublik nach einer noch vom alten Bundestag beschlossenen Verfassungsänderung auf Pump finanziert. Man bekommt erklärt, dass sich Deutschland bald wieder im Krieg mit Russland befinde. Nicht erwähnt wird, dass die letzten drei Kriege gegen Russland ausnahmslos von Deutschland ausgingen, obwohl auch im Kaiserreich, nach der russischen Oktoberrevolution und im NS-Staat von Politikern der Eindruck erweckt wurde, man reagiere nur auf die militärische Aggression eines barbarischen Feindes.
Als junger Kriegsdienstverweigerer bekam ich 1970 von den Mitgliedern des Prüfungsausschusses beim Kreiswehrersatzamt Dortmund die üblichen Fangfragen gestellt – ob ich nicht schießen würde, wenn fremde Männer meine Freundin nachts im Park zu vergewaltigen suchten und mir zufällig eine Pistole in die Hände fiele? Als ob individuelle Notwehr mit organisiertem Töten durch eine im Krieg befindliche Armee vergleichbar wäre! Man lehnte mich als politisch denkenden Jungsozialisten und überzeugten Antimilitaristen mit der Begründung ab, „logische Argumente“ vorgetragen, aber keine „Gewissensgründe“ zu haben und „nicht im tiefsten Inneren“ betroffen zu sein. Ich habe gegen deren Ablehnungsbescheid fristgerecht Widerspruch eingelegt. Klar war, dass sich aus mir kein braver und halbwegs brauchbarer Soldat machen ließ.
Meine heute volljährige Tochter bekam schon als 17-Jährige olivgrüne Werbepostkarten vom „Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr“ geschickt, auf denen ein Uniform-Namensstreifen mit unserem Hausnamen prangt, als wäre sie oder ein anderes Familienmitglied dort bereits tätig. Sie mit ihrem Vornamen anredend, steht auf der Rückseite: „Hallo, dein Weg in die Zukunft beginnt hier! Bei uns findest du mehr als 1000 Berufe – mit oder ohne Uniform. Wir bieten Teamgeist, Qualifizierung und Perspektiven für deine Karriere. Lust auf mehr?“
Es sind wahrlich makabre Zeiten, in denen wir leben: Heute wird bei uns nach angelsächsischem Vorbild ein Veteranentag gefeiert und die Gesellschaft auf der Grundlage des teilweise geheimen „Operationsplans Deutschland“ der Bundeswehr weiter militarisiert, ohne dass sich gegen die geplante Verdreifachung des Rüstungshaushalts in der Zeit von 2024 bis 2029 massiver Widerstand regt…. Da verlieh Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 4. April 2025 einen „Sonderpreis des Internationalen Preises des Westfälischen Friedens“ an die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer, hielt aus diesem Anlass aber eine Grundsatzrede, in der er für deutsche Streitkräfte in einer militärischen „Allianz der Willigen“ neben der EU und der Nato, höhere Rüstungsausgaben und eine Rückkehr zur Wehrpflicht warb… Kritiker/innen der Bedrohungshysterie und des Rüstungswahns kommen mittlerweile aber immer weniger zu Wort. Was macht das am Ende mit diesem Land? (Zitat Ende).
Bleiben wir also wachsam. Lassen wir uns nicht einreden, dass die Wiedereinsetzung der Wehrpflicht, die grenzenlose Aufrüstung und eine zunehmende Konfrontation das geeignete Mittel gegen eine mögliche Bedrohung sind. Stehen wir weiterhin ein für Verständigung, Diplomatie und eine neue europäische Friedensordnung.
Doris:
Wir werden jetzt wieder einige Minuten schweigen. Wir denken an die Opfer der Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten, und an die Opfer der Kriege in anderen Ländern, die oft vergessen werden. An die Menschen, die im Krieg verletzt wurden an Leib und Seele. An alle, die ihr Leben verloren haben, seien es Soldaten oder Zivilisten. An alle, die ihre Heimat verlassen mussten und auf der Flucht sind. An die geschundene Natur, an die zerstörte Kultur. Wir denken an alle, die sich für den Frieden stark machen, in der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern.
Doris:
Ich lese die ersten beiden Strophen des Liedes „Nein, meine Söhne geb´ ich nicht“ von Reinhard Mey.
Ich denk´ ich schreib´ euch besser schon beizeiten
Und sag´ euch heute schon endgültig ab
Ihr braucht nicht lange Listen auszubreiten
Um zu seh’n, dass ich auch zwei Söhne hab›
Ich lieb› die beiden, das will ich euch sagen
Mehr als mein Leben, als mein Augenlicht
Und die, die werden keine Waffen tragen
Nein, meine Söhne geb› ich nicht
Nein, meine Söhne geb› ich nicht
Ich habe sie die Achtung vor dem Leben
Vor jeder Kreatur als höchsten Wert
Ich habe sie Erbarmen und Vergeben
Und wo immer es ging, lieben gelehrt
Nun werdet ihr sie nicht mit Hass verderben
Keine Ziele und keine Ehre, keine Pflicht
Sind’s wert, dafür zu töten und zu sterben
Nein, meine Söhne geb› ich nicht
Nein, meine Söhne geb› ich nicht
Doris:
Ich möchte noch folgendes ansagen, bevor wir unsere Mahnwache beenden.
- Vor einiger Zeit hatten wir hier Unterschriften gesammelt für die Petition „Frieden in den Lehrplan!“ Was ist daraus geworden? Das Ziel von 10.000 Unterschriften wurde übertroffen: 11.442 Menschen haben die Petition unterzeichnet: Ein starkes Votum für mehr Friedensbildung! Die Petition wurde nun an die Bildungsministerkonferenz überreicht. Außerdem wurden konkrete Vorschläge und Empfehlungen zur Stärkung der Friedensbildung an Schulen erarbeitet. Diese wird das Bündnis „Frieden in den Lehrplan“ an die Bildungsministerien der Bundesländer herantragen.
- Es gibt eine neue Postkartenaktion an Außenminister Wadephul mit dem Thema: „101 Staaten unterstützen bereits das UN-Atomwaffenverbot – Deutschland darf nicht fehlen!“ Bitte nehmen Sie Postkarten zum Abschicken und Weiterverteilen mit.
- Morgen wird es in 23 Städten gleichzeitig bundesweite Jugendproteste „Generation Z steht auf“ geben. So auch in Stuttgart um 14.00 Uhr auf dem Schlossplatz. Das Positionspapier der Veranstalter richtet sich gegen Kürzungen im Sozialbereich und beim Klimaschutz, sowie gegen die Wehrpflicht und die Investition von Milliarden in die Aufrüstung. Daher erklärt sich der Friedenstreff Stuttgart-Nord solidarisch mit dem Protest der Jugendlichen und ist dabei. Hoffen wir, dass gewaltbereite Menschen den Protest nicht für ihre Zwecke missbrauchen.
- Am Montag, 02.11. trifft sich wieder die Ökumenische Friedensgruppe der Stadtkirchengemeinde Schorndorf um 18.00 Uhr im Martin-Luther-Haus. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.
- Auf Einladung der Gruppe spricht am Mittwoch, 11. November Helga Baumgarten um 19.00 Uhr im Martin-Luther-Haus zum Thema: „Siedlergewalt in der West Bank – was können wir tun?“ Sie lebt und lehrt an der arabischen Universität in Jerusalem und ist Autorin wichtiger Bücher über Palästina, Gaza, Hamas, West Bank u.a. Flyer und Plakate zum Mitnehmen und weiter Verteilen liegen in der Mitte aus.
Unsere nächste Mahnwache ist heute in einer Woche, am Freitag den 06.11.26 um 18.00 Uhr wieder hier auf dem Marktplatz