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Detlef:
Guten Abend. Schön, dass trotz der schlechten Wettervorhersage doch eine Reihe von Menschen hier erschienen sind.
Mein heutiges Thema wird sich vor allem mit der Frage befassen, in welche Richtung sich die Welt entwickeln wird. Wir alle haben es schon gemerkt: Wir leben in der Zeit eines gewaltigen, weltweiten Umbruchs. Kein Mensch kann heute sagen, wie unsere Welt in 10 oder 20 Jahren aussehen wird. Wird es eine bessere und friedlichere Welt sein oder droht gar ein atomares Inferno? Beides erscheint möglich. Wir wissen einfach nicht, wohin die Reise gehen wird. Diese großen sich anbahnenden Veränderungen, mit großen Chancen aber auch großen Gefahren, verunsichern viele Menschen auf der ganzen Welt, natürlich auch uns selbst. Mit diesen Fragen möchte ich mich heute ein wenig auseinandersetzen.
Entwicklung der Polaritäten in der Welt
Mit der deutschen Wiedervereinigung begann ab 1990 eine Phase der sogenannten Monopolarität auf der Welt. Die USA und die NATO zusammen schienen nahezu unangefochten zu bestimmen, in welche Richtung die Welt sich entwickeln würde. Die NATO breitet sich dabei immer weiter aus.
Diese Weltordnung wird allerdings seit Gründung der sogenannten BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) 2010 zumindest ökonomisch in Frage gestellt. Mittlerweile gehören diesem losen Staatenbündnis 10 Staaten an (hinzu kamen Ägypten, Äthiopien, der Iran, die Vereinigten Arabischen Emirate und Indonesien). Viele Analysten meinen deshalb, dass die von den USA angeführte monopolare Weltordnung durch eine multipolare Weltordnung abgelöst wird.
Ob diese Ablösung wirklich stattfinden wird, das ist noch nicht entschieden. Ob eine multipolare Weltordnung entstehen kann, in der Konflikte zwischen verschiedenen Staaten vernünftig und mit friedlichen Mittel gelöst werden können, auch diese Frage ist noch nicht geklärt.
Entwicklung der digitalen Technologien
PCs, Laptops, Tablet-PCs, Smartphones etc. In fast jedem Haushalt in Deutschland gibt es zumindest eines dieser Geräte. Mittlerweile nutzt mehr als die Hälfte der internetfähigen Welt ein Smartphone. Immer mehr Menschen kommunizieren mit anderen Menschen etwa über WhatsApp und andere Dienste. Wird dabei das persönliche Gespräch mit anderen Menschen weniger wichtig?
Die digitale Entwicklung schreitet dabei scheinbar immer schneller voran. Das aktuelle Thema heißt KI, Künstliche Intelligenz. Die Verheißungen dieser Technologien: Immer mehr Arbeiten können uns von der KI abgenommen werden, KI kann all unsere Fragen in kürzester Zeit beantworten, viele schwierige Entscheidungen können von der KI übernommen werden.
Worüber allerdings immer noch viel zu wenig geredet wird. In der Entwicklung der KI stecken auch große Gefahren oder gar Unmenschlichkeiten. Da wird davon geträumt, das kluge Roboter in Zukunft zumindest teilweise die Pflege von alten und kranken Menschen übernehmen können. Wird dadurch das Problem der Einsamkeit von vielen alten und kranken Menschen nicht noch mehr verschärft? Wie viele Arbeitsplätze werden durch die KI verloren gehen und wie viele werden dadurch neu entstehen? Wenn die KI immer mehr Denkaufgaben von uns Menschen übernimmt, werde dadurch die Menschen in Zukunft nicht immer dümmer werden? Oder wird es neue auch intellektuell anspruchsvolle Aufgaben für Menschen geben, die einer solchen Verdummung entgegenstehen?
Über eine ganz große Gefahr der KI wird heutzutage auch von den Herstellern neuer KI-Entwicklungen offen geredet: Die am weitesten entwickelte KI lässt sich kaum noch von Menschen kontrollieren, sondern entwickelt anscheinend eigenwillige Entscheidungen und Handlungen, die den Zielen der sie entwickelnden Menschen zuwiderlaufen. Man stelle sich nur vor, so eine KI entscheidet sich dann, einmal eine größere Anzahl von Atombomben auf die Reise zu schicken …
Ja, auch die Entwicklung der KI wird sehr vieles auf unserer Welt verändern. Auch hierbei wissen wir nicht, ob diese Veränderungen zum Guten oder vielleicht doch zum Schlechten von uns allen stattfinden werden. Auch hieraus entstehen wiederum große Verunsicherungen.
Die alten Fragen um Krieg oder Frieden
Nein, mit den neueren Entwicklungen sind diese alten Fragen noch nicht vom Tisch, im Gegenteil, sie werden anscheinend wieder aktueller denn je.
Da ist zum einen das Problem mit den Rüstungskonzernen. Die Profitraten, die mit dem Verkauf von Waffen erreicht werden können, sind schon immer immens gewesen. Umso mehr die weltweiten Rüstungsausgaben ansteigen, umso größer wird der Hunger dieser Konzerne nach immer neuen Rüstungsaufträgen. Kriege waren schon immer das Mittel der Wahl für diese Konzerne, sie mussten ihre Regierungen nur dazu bewegen, dass neue militärische Auseinandersetzungen wichtig waren. Im Krieg werden schließlich viele Waffen zerstört, die durch neue und bessere ersetzt werden müssen.
Hierbei entpuppt sich der seit Jahren laufende Krieg in der Ukraine als großer Glücksfall für die Rüstungsindustrie. In diesem sinnlosen Abnutzungskrieg, bei dem Tag für Tag viele Menschen sterben, können die Rüstungskonzerne neu entwickelte Waffen tagtäglich live austesten.
In der Welt geht es aber nicht nur um die militärische Überlegenheit. Auch die Frage, wer die Kontrolle über wie viele Rohstoffe besitzt, ist von großem Interesse. Da geht es, wie bei dem Überfall der USA auf Venezuela oder den Iran natürlich um Rohstoffe wie Erdöl oder Erdgas. Aber auch die sogenannten seltenen Erden werden immer wichtiger. Je mehr Elektro-Autos produziert werden, umso wichtiger wird etwa der Rohstoff Lithium. Auch all diese Fragen können Gründe für den Ausbruch von Kriegen oder die Zerstörung von Umwelt und Natur sein. Der globale Machtkampf um Rohstoffe und Einflussgebiete schreitet immer weiter voran – kann diese Entwicklung noch gestoppt werden?
Das Verhältnis der Staaten und Menschen zueinander
Bei all diesen Entwicklungen sollte klar sein: Wir stehen tatsächlich vor großen Veränderungen. In kurzer Zeit wird unsere Welt ganz anders sein, als sie das heute noch ist. Wir wissen allerdings noch nicht, wie sie aussehen wird.
Gerade der Krieg in der Ukraine zeigt es. Vernünftige Gespräche zwischen den beiden Seiten mit dem Versuch, einen Weg zur Beendigung dieses Krieges zu finden, finden kaum statt. Gerade in den meisten unserer Mainstream-Medien wird ein Bild gezeichnet, dass die Welt in Gut und Böse aufteilt. Die guten, das sind die NATO und die Ukraine, die Bösen heißen Russland und vor allem Putin. Nein, mit dieser Aufteilung kann kein Frieden geschaffen werden.
Allerdings gibt es diese Aufteilung in Gut und Böse nicht nur zwischen Staaten. Auch im persönlichen Bereich gibt es teilweise diese Aufteilung. Begonnen hat diese Entwicklung spätestens während der Corona-Krise. Da gab es die eine Seite, die fast alle Maßnahmen der Bundesregierung unterstützten, sich natürlich impfen ließen und am liebsten nur noch mit FFP2-Maske auf die Straße gingen. Auf der anderen Seite gab es die sogenannten Querdenker, die sich nicht impfen lassen wollten und das Maskentragen ablehnten. Es kam auch zu großen Demonstrationen von Seiten dieser Querdenker, auf denen prinzipiell keine Maske getragen wurde. Das wirklich Schlimme an dieser Auseinandersetzung war: vernünftige Gespräche zwischen beiden Seiten fanden nicht statt. Teilweise hatte man das Gefühl, dass sich eher Hass zwischen diesen Seiten entwickelte. Dabei waren die Gründe dieser verschiedenen Haltungen durchaus verständlich. Die einen hatte hauptsächlich Angst vor diesem Virus, Angst sich selbst oder andere zu infizieren – sicherlich nicht unbegründet. Die andere Seite hatte das Gefühl, dass sie ihrer Freiheit beraubt wurden, durch immer neue Vorschriften fühlten sie sich drangsaliert. Heute kann man wohl sagen: auch diese Haltung kann man verstehen. Viele hatten auch einfach Angst um ihren Lebensunterhalt, etwa Menschen, die in der Gastronomie arbeiteten.
Diese Unterschiede zwischen den Menschen übertrugen sich fast direkt auf die Haltung der Menschen zum Ukraine-Krieg. Die einen waren voll damit einverstanden, der Ukraine immer mehr Waffen zu liefern. Wir alle müssen uns doch vor den bösen Russen schützen. Die andere Seite, also wir, plädierten und plädieren dafür, mit Russland zu verhandeln und gemeinsam nach Wegen zu suchen, diesen schrecklichen Krieg endlich zu beenden. Natürlich finden auch wir nicht alles, was Russland tut, richtig. Den Einmarsch von Russland in die Ukraine haben wir immer verurteilt. Wir finden es sicher auch nicht richtig, dass in Russland eine Putin-kritische Partei nicht an den Wahlen teilnehmen durfte. Dennoch glauben wir fest daran, dass die ernsthafte Suche nach einer Verhandlungslösung der einzig sinnvolle Weg ist.
Sicher, wir geben unser Bestes, auch mit unseren wöchentlichen Mahnwachen, für den Frieden in der ganzen Welt zu werben. Allerdings können und sollten wir auch noch mehr versuchen, und zwar in unserem ganz persönlichen Umfeld.
Ich glaube, dass viele von uns im eigenen Verwandtschafts- und Freundeskreis mittlerweile dazu neigen, Gespräche über solche Themen lieber zu vermeiden. Jedenfalls dann, wenn wir wissen, dass diese Menschen eine ganz andere Meinung haben als wir selbst. Wir haben Angst davor, dass solche Gespräche dann sehr leicht ausarten können, schließlich wollen wir unsere Freundschaften nicht verlieren. Ich denke aber, wir sollten ernsthaft versuchen, mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen. Es ist sicher utopisch zu glauben, dass wir die Meinung von Menschen in ein oder zwei Gesprächen verändern können. Ein Gespräch zu suchen, heißt aber erst einmal etwas anderes. Wir sollten uns dafür interessieren, was die anderen Menschen meinen und warum sie das tun. In solchen Gesprächen sollten wir also auch zuhören. Vielleicht können wir diese Menschen dann sogar besser verstehen, ohne ihnen gleich Recht zu geben. Vielleicht können wir in so einem Gespräch dann auch erreichen, dass die anderen wenigstens verstehen, warum wir anders denken, ohne dass sie uns dann gleich Recht geben. So eine Herangehensweise könnte vielleicht auch dazu beitragen, dass daraus ein beiderseitiges besseres Verständnis des jeweils anderen wird.
Wir sollten versuchen, ein Klima der Feindschaft oder gar des Hasses zwischen Menschen in solchen Gesprächen wieder in ein Klima des gegenseitigen Verständnisses zu verwandeln. Der Hass zwischen Menschen ist unter anderem auch mit ein Grund dafür, dass überhaupt Kriege geführt werden. Wir sollten es in nächster Zeit wenigstens versuchen. Natürlich sollten wir uns dann auch darüber austauschen, wie solche Gespräche gelaufen sind, was gut war und was weniger gut. Auf diese Weise könnten wir wahrscheinlich auch viel voneinander lernen.
Doris:
Wir werden jetzt wieder einige Minuten schweigen. Wir denken an die Opfer der Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten, und an die Opfer der Kriege in anderen Ländern, die oft vergessen werden. An die Menschen, die im Krieg verletzt wurden an Leib und Seele. An alle, die ihr Leben verloren haben, seien es Soldaten oder Zivilisten. An alle, die ihre Heimat verlassen mussten und auf der Flucht sind. An die geschundene Natur, an die zerstörte Kultur. Wir denken an alle, die sich für den Frieden stark machen, in der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern.
Doris:
Ich lese einen Text von Dietrich Bonhoeffer:
Optimismus, gerade in heutiger Zeit.
Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation,
sondern er ist eine Lebenskraft,
eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignieren.
Eine Kraft, den Kopf hochzuhalten, wenn alles fehlzuschlagen scheint.
Eine Kraft, Rückschläge zu ertragen.
Eine Kraft, welche die Zukunft niemals dem Gegner überlässt,
sondern sie für sich in Anspruch nimmt.
Es gibt gewiss auch einen dummen und feigen Optimismus, der verpönt werden muss.
Aber den Optimismus als Willen zur Zukunft soll niemand verächtlich machen.
Es gibt Menschen, die es für unernst, Christen, die es für unfromm halten,
auf eine bessere irdische Zukunft zu hoffen und sich auf sie vorzubereiten.
Sie glauben an das Chaos, die Unordnung, die Katastrophe als den Sinn des gegenwärtigen Geschehens und entziehen sich in Resignation oder frommer Weltflucht der Verantwortung für das Weiterleben für die kommenden Geschlechter.
Mag sein, dass der jüngste Tag morgen anbricht.
Dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen.
Vorher aber nicht.
Doris:
Ich möchte noch folgendes ansagen, bevor wir unsere Mahnwache beenden.
- Kriegsdienstverweigerung ist ein Menschenrecht. Die DFG-VK unterstützt deshalb Menschen dabei, von diesem Grundrecht Gebrauch zu machen. Vom 23. bis 25. Oktober findet in der Jugendherberge in Stuttgart der 25. DFG-VK Bundeskongress statt. Morgen um 11.00 Uhr wird Margot Käßmann die Hauptrede halten.
- Am Montag, 26.10. lädt die Allmende Stetten um 19.00 in der Gaststätte «Burgstüble», Kernen zu einem Vortrag und Diskussion «Briefe aus Jerusalem» mit Helga Baumgarten ein.
- Am Montag, 02.11. trifft sich wieder die Ökumenische Friedensgruppe der Stadtkirchengemeinde Schorndorf um 18.00 Uhr im Martin-Luther-Haus. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.
- Auf Einladung der Gruppe spricht am Mittwoch, 11. November Helga Baumgarten um 19.00 Uhr im Martin-Luther-Haus zum Thema: „Siedlergewalt in der West Bank – was können wir tun?“ Sie lebt und lehrt an der arabischen Universität in Jerusalem und ist Autorin wichtiger Bücher über Palästina, Gaza, Hamas, West Bank u.a.
- Am 20.11. wird es den 5. bundesweiten Schulstreik gegen die Wehrpflicht geben.
Unsere nächste Mahnwache ist heute in einer Woche, am Freitag den 30.10.26 um 18.00 Uhr wieder hier auf dem Marktplatz.